Krasse Kröte

Was fange ich mit Germanistik an? (Janina, 25)

Was fange ich bitte mit einem Germanistik-Studium an, bei dem ich den Schwerpunkt auf die ältere deutsche Literatur gelegt habe? Im Nebenfach studiere ich Mittelalterstudien (Geschichte und vor- und frühgeschichtliche Archäologie).(Janina, 25)

Liebe Janina,

ja, was hast Du Dir denn dabei auch gedacht? Ältere deutsche Literatur… Vor- und Frühgeschichte! Das braucht doch echt kein Mensch. Das gilt natürlich auch für alle anderen Geisteswissenschaften, die sich mit nutzlosen Fragen schöngeistig auseinandersetzen. Literaturtheorie. Geschichte. Philosophie. Abschaffen sollte man den Quatsch. Ich bin für eine umfassende Reform der Universitäten. Bologna hat vieles ja schon kräftig eingedampft und das Wissen endlich mal in vorgefertigte Häppchen gestückelt. Statt sinnlos herum zu studieren und sich wie ein seltsamer Sonderling seinen persönlichen fachlichen Interessen zu widmen, weiß man jetzt wenigstens, was man auswendig lernen soll und wird auch noch mit transparenten Punkten belohnt. Guter Ansatz, guter Ansatz! Aber mir geht das noch nicht weit genug.

Ich finde, jetzt sollten auch die Inhalte reformiert werden. Bitte alles eindampfen auf das, was die Menschheit wirklich braucht. Mein Vorschlag: Ein Bachelor für Microsoft Word, an den ein Master in Power Point angeschlossen werden kann. Nebenfach Excel. Endlich mal was, was man umsetzen und anwenden kann. Damit man auf die Berufswelt bestens vorbereitet ist und sein Hirn nicht mehr mit nutzlosem Wissen belasten muss. Und so gesehen können wir uns nach den Geisteswissenschaften auch gleich die restlichen Studiengänge vornehmen, mit deren Wissen man im Job nämlich auch nichts anfangen kann.

Die Welt ist so komplex ja auch wieder nicht. Die paar Kriege, Flüchtlinge, Naturkatastrophen. Das bißchen Hick Hack mit Armut, gesellschaftlichem Wandel, Klima-Veränderungen und Finanzkrisen. Das kriegen wir mit einem Brainstorming schon irgendwie gelöst. Da brauchen wir keine Menschen mit Spezial- und Allgemeinbildung. Und schon gar keine Dichter und Denker.

Ironie-Modus aus. Ich habe Germanistik, Politikwissenschaft und Psychologie studiert. Und die gefühlt tausend Mal gestellte Frage „Was willste denn DAMIT machen?“ hat mich mein ganzes Studium lang mehr verunsichert, als es im Rückblick nötig gewesen wäre. Das gilt übrigens auch für die allermeisten meiner ehemaligen Kommilitonen, die in zuweilen schönen und gut bezahlten Jobs gelandet sind. Sie sind Journalisten geworden, PR-Berater, Texter, Unternehmensberater, arbeiten in Personal- oder Marketing-Abteilungen, in Kultureinrichtungen oder in der Werbebranche. Oder sie sind aus Leidenschaft zu ihrem Fach an der Hochschule geblieben, haben promoviert und arbeiten heute als Dozent. Genauso kenne ich Absolventen vermeintlich „nützlicher“ Fächer, die zugeben, dass ihr heutiger Job mit ihrem Studium auch nicht viel zu tun hat. Deshalb werden die manchmal bissigen Kommentare gegenüber Geisteswissenschaftlern mit der Zeit auch weniger, kann ich Dir versprechen. Die etwas andere Perspektive, die Geisteswissenschaftler auch auf praktische Fragestellungen haben, wird von sehr vielen Unternehmen mittlerweile geschätzt und sie setzen ihre Teams entsprechend bunt zusammen.

Wichtig ist sicher, so viel Praxiserfahrung wie möglich zu sammeln, am besten schon während des Studiums in Form von Praktika. Nicht „für den Lebenslauf“, sondern damit Du für Dich selbst Orientierung und erste Ideen bekommst, was Du mit Deinem Studium „anfangen“ kannst und willst. Angst ist dabei kein guter Berater. Wenn deine Fächerkombi Deinen Interessen und Leidenschaften entspricht: Wunderbar. Am allerwenigsten anfangen kannst Du mit einem Fach, das Dir nicht gefällt.

Viel Zuversicht und Orientierung wünscht Dir:
Stefanie

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1 Kommentar
  • Florian am 20. Mai 2015

    Liebe Janina,

    da kann ich Stefanie in weiten Teilen nur beipflichten. Bin mittlerweile bis zur Promotion in der germanistischen Mediävistik vorgerückt und auch da kommt bisweilen noch einmal die Frage nach dem „Sinn und Zweck“ des Ganzen, allerdings nimmt das wirklich stark ab. In den wenigsten Fällen hat das, was Du im Studium inhaltlich lernst, wirklich mit deinen zukünftigen Aufgaben im Job zu tun. Das bedeutet nicht, dass Du dich nur auf Methodik versteifen und alle Texte nur überfliegen solltest. Vielmehr will ich dir damit sagen, dass Du unbewusst und „am Rande“ Kenntnisse erwirbst, über die Du gar nicht nachdenkst und die auch in der Studiengangbeschreibung nicht zu finden sind, die aber später durchaus gefragt sind.
    Die Tatsache, dass der eigene Studiengang nicht auf einen Beruf abzielt, ist oft und gerne demotivierend und führt zu Verunsicherung. Das ist aber m. E. unnötig. In der Mediävistik gewöhnst Du dir beispielsweise an, sehr genau zu lesen. Das liegt u. a. daran, dass die älteren Sprachstufen noch keiner Rechtschreibung oder vereinheitlichten Schreibweise folgen. Wenn Du hier also zitieren willst, musst Du sehr genau arbeiten können. Diese Fähigkeit kann dir später in den verschiedensten Bereichen zugute kommen: Offensichtlich ist hier die Übertragung auf Korrekturlesungen. Wenn Du dann die Semantik und eine gewisse Skepsis gegenüber zuerst angenommenen Wortbedeutungen hinzunimmst, kann das auch für ganz andere Bereiche (Werbung, Verlagswesen, etc.) von Nutzen sein. Allerdings wird dir im Seminar nicht gesagt, warum Du genau zitieren sollst und wieso dir das nützt.
    Wenn Du hier und da darüber nachdenkst, was genau von dir gefordert wird, kommst Du aber sicher noch auf weitere Beispiele, die dir helfen können, Selbstzweifel zu beseitigen. Es darf also auch ruhig mal „seltsam“ und „abwegig“ sein oder völlig „nutzlos“ wirken. Die Geisteswissenschaften stammen nun mal von den freien Künsten ab und die waren per Definition nicht für den ökonomischen Nutzen konzipiert, das haben wir erst daraus gemacht. Solange man sich nicht zu demütig gibt, finden sich aber durchaus „marktfähige“ Kenntnisse, die man hier mitnehmen kann.

    Ich wünsch‘ dir viel Erfolg und Spaß beim Studium!

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