Krasse Kröte

Wie schaffen es andere, so viel zu reisen? (Elias, 25)

Ernsthaft: In meinem Umfeld sind sehr viele Menschen, die meist auch noch studieren und sehr viel auf Achse sind: Jordanien, Marokko, Chile, USA, Nepal… alle möglichen Länder werden für mehrere Wochen bereist. Und das nicht nur jeweils von einer Person, sondern durchaus auch mehrere Reisen pro Jahr. Schummeln die anderen irgendwie? Ich schaffe es im Monat vielleicht 50 Euro zurückzulegen, wenn überhaupt, nach Miete, Essen und sehr wenig Kleidung ist eigentlich nichts mehr übrig.
Es macht mich sehr traurig, da ich eigentlich sehr gerne mehr von der Welt sehen würde, aber ich kann es mir einfach nicht leisten, auch nicht wenn ich kostenkündig reise (Hitchhiking, Couchsurfen…), unterwegs gibt man halt einfach etwas mehr aus. Ich habe allerdings auch nicht wirklich viel Zeit um z.B. noch arbeiten zu gehen. Studiere ich vielleicht zu zeitintensiv, oder das falsche (Physik)? Was mache ich falsch? Oder wie lerne ich auch zu schummeln? (Elias, 25)

Lieber Elias,

um ganz ehrlich zu sein: Ich fühle mit dir! Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht einen ungläubigen Blick auf meine Facebook-Timeline werfe und mich wundere, wie all meine Freunde, Kommilitonen und entfernten Bekannten neben ihren (natürlich hoch anspruchs- und verantwortungsvollen) Jobs, noch so viel Zeit für außergewöhnliche Reisen, exotische Kochkünste und ausufernde Partys finden. Gefühlt arbeitet heute niemand mehr so richtig, hat aber jede Menge finanzielle Ressourcen, um das Leben nach allen Regeln der Kunst zu genießen.

Kein Wunder, dass da manchmal Zweifel an der eigenen Lebensweise aufkommen: Müsste ich mehr sparen? Habe ich den richtigen Job gewählt? Hätte ich mit anderen Freunden vielleicht viel mehr Spaß? Umso beruhigter bin ich, dass es Menschen wie dich gibt, die diese ganze Selbstdarstellung kritisch hinterfragen. Denn natürlich hast du Recht: Hier wird nach Strich und Faden geschummelt. Vor einiger Zeit habe ich einen guten Beitrag im ZEIT-Magazin gelesen, der meiner Meinung nach hervorragend zu deiner Situation passt. Darin ging es um die Generation Y und die Frage, was Glück für die 25-35-Jährigen von heute eigentlich bedeutet.

Die Antwort des Autors war recht ernüchternd: Obwohl den jungen Menschen im Grunde die ganze Welt offen steht, sind sie überhaupt nicht zufriedener als ihre Eltern oder Großeltern vor ihnen. Ganz im Gegenteil: Die Vielfalt an Möglichkeiten, aus der wir heute wählen können, verwirrt, überfordert und lässt uns bei jeder Entscheidung mit dem unguten Gefühl zurück, dass hinter der anderen Biegung vielleicht doch etwas viel besseres auf uns gewartet hätte. Verschärft wird das Problem durch die sozialen Netzwerke: Hier posten wir die Highlights unseres Lebens – den perfekten Tag am Strand, das perfekte Abendessen, das perfekte Liebesglück, die perfekte Katze – und lassen die Tiefpunkte, die Nachtschichten am Schreibtisch, das Ungeziefer im Hotelzimmer unter den Tisch fallen. Merkt ja eh keiner. Dies schürt den Neid unter Freunden und kann die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen, wie beispielsweise eine Studie der Humboldt-Universität Berlin und der TU Darmstadt zeigt.

Und weil wir alle in diese Falle getappt sind, versuchen wir, uns gegenseitig zu überbieten – ja nicht den Eindruck erwecken, dass das eigene Leben langweilig, anstrengend oder manchmal sogar richtig traurig sein kann. Perfektion und Selbstverwirklichung ist ein Muss – denn „one day baby we will all be old“, „never be a maybe“ und so weiter…

Du, lieber Elias, scheinst das Ganze hingegen intuitiv schon richtig verstanden zu haben – dir ist klar, dass da irgendwo ein Haken sein muss. Das Problem liegt aber weder bei deinem Physikstudium, noch bei deiner knapp bemessenen Zeit (wenn man richtig studiert übrigens ganz normal) – sondern ganz allein bei deiner persönlichen Einstellung. Lass dich nicht zu sehr von den Geschichten der anderen beeinflussen, sondern bleibe deinem ganz individuellen Lebensweg treu. Vielleicht hilft es dir, die Gründe für deine Studienentscheidung noch einmal zu rekapitulieren: Hast du dich schon immer für Naturwissenschaften interessiert? Mit Sicherheit wärst du in einem Soziologiestudium mit viel Zeit für Nebenjobs und Reisen unglücklich geworden. Du glaubst, dass man mit MINT-Berufen ein gutes Gehalt erzielen kann? Dann nutze in ein paar Jahren dein reichhaltiges Urlaubsgeld und lerne all die Orte kennen, nach denen du dich heute sehnst. Du möchtest nach dem Studium eine Laufbahn als Hochschuldozent einschlagen? So flexible Arbeitszeiten mit viel Raum und Zeit für freie Entfaltung werden deine BWLer-Freunde niemals haben. Du siehst schon – es lohnt sich, die Dinge immer von verschiedenen Seiten zu betrachten. Ich finde es übrigens toll, dass du viel Energie in deine Ausbildung investierst und nebenher auch noch die Disziplin aufbringst, überhaupt ans Sparen zu denken. Dass das nicht immer so einfach ist und nicht unmittelbar zum Ziel führt – geschenkt. Manche Dinge brauchen einfach etwas Zeit. Dafür kannst du dir am Ende sicher sein, dir wirklich etwas erarbeitet und nicht nur selbst vorgegaukelt zu haben. Schummelei möchte ich dir daher nicht ans Herz legen, die macht auf Dauer doch nur unglücklich. Was hältst du stattdessen davon, wenn du offen mit deinen reisefreudigen Bekannten sprichst und ihnen deine Eindrücke schilderst? Vielleicht hast du eine tolle Möglichkeit bislang einfach übersehen? Und wenn nicht, hast du vielleicht eine gute Story als Seifenblase entlarvt.

Zum Schluss noch ein ganz konkreter Tipp: Informiere dich mal über die Möglichkeit, im Rahmen eines Freiwilligendienstes ins Ausland zu gehen. Hier unterstützt du soziale Projekte vor Ort und hast die Gelegenheit, Land und Leute auf eine ganz eigene Art und Weise kennenzulernen. Geförderte Projekte sind in der Regel auch recht günstig: www.auslandsaufenthalt.org/freiwilligenarbeit-ausland.php

Ich wünsche dir ein dickes Fell und weiterhin viel Durchhaltevermögen,
Sabrina

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2 Kommentare
  • Isolde MaReisen am 26. Januar 2015

    Lieber Elias,

    so wie dir geht es vielen sicherlich. Ich bin auch sehr reisewütig, werde aber auch oft gefragt woher ich mir neben meinem Vollzeitjob die Zeit zum Reisen nehmen und wie ich mir das Reisen finanziere. Das Bedarf alles Organisation und Verzicht auf anderen Luxus. Ich hab erst kürzlich einen Artikel darüber geschrieben, vielleicht bringt das etwas Licht ins Dunkle: http://fernsuchtblog.de/weltenbummeln-oder-karriere/

    • Stefanie am 26. Januar 2015

      Hi Isolde,
      danke für deinen tollen Blogbeitrag mit den guten und motivierenden Tipps für „Fernsüchtige“. Dir viel Spaß auf deinen weiteren Reisen wünscht das KrasseKröte-Team. LG, Stefanie

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