Krasse Kröte

Wie komme ich aus der Aufschiebe-Spirale heraus? (Katharina, 22)

Ich muss zwei Semester dran hängen weil ich ohne Ende aufschiebe. Aber die ganzen gut gemeinten Tipps a la Prioritäten setzen, Ziele portionieren/erkennen helfen mir nicht mehr. Es kommen immer neue Aufgaben dazu, die dringend erledigt werden müssen -alte Sachen bleiben liegen und stauen sich auf. Wie komme ich aus der Spirale raus?! (Katharina, 22)

Liebe Katharina,

zunächst einmal habe ich eine gute Nachricht für dich: Dein Verhalten ist laut Evolutionspsychologen vollkommen normal! Entwicklungsgeschichtlich ist der Mensch nämlich überhaupt nicht auf vorsorgendes und strukturiertes Arbeiten vorbereitet: In der Steinzeit galt es zuzuschlagen, wenn das Mammut am Lagerfeuer vorbeilief oder ein essbarer Pilz am Wegesrand stand. Jagen und Sammeln waren lebensnotwendig und unaufschiebbar. Leider wirkt genau das bis heute nach: Aufgaben, die uns nicht absolut existenziell erscheinen, werden von unserem Gehirn auf die hinteren Plätze verwiesen – frei nach dem Motto „Was du heute kannst besorgen, lass es liegen, mach es morgen“.

Die schlechte Nachricht: Diese Erkenntnis hilft dir nicht wirklich weiter, weil wir ja nun nicht mehr in der Steinzeit leben und unser Fokus sich von der simplen Nahrungsbeschaffung auf andere „lebenswichtige“ Bereiche ausgedehnt hat und wir oft langfristig in der Zukunft statt akut in der Gegenwart denken müssen. Und dazu zählt in deinem Fall auch der Studienabschluss. Nur wie die kleinen grauen Zellen austricksen und motivieren? Mit den klassischen Maßnahmen gegen Aufschieberitis (im Fachterminus: Prokrastination) hast du dich ja offensichtlich schon erfolglos auseinandergesetzt – tatsächlich dienen diese meist auch der Aufgabenstrukturierung, wenn zumindest irgendwo noch Land in Sicht ist. Aus deiner Frage geht eher hervor, dass du dich so richtig verzettelt hast und gar nicht mehr weißt, wo du überhaupt anfangen sollst.

Dafür kann es wiederum verschiedene Gründe geben. Punkt 1: Du bist einfach schlecht organisiert. Dieses Problem lässt sich in der Regel recht schnell lösen . Nimm dir eine Freundin zu Hilfe und teile deine Aufgaben in drei Stapel auf: Stapel A ist für das weitere Fortkommen im Studium überlebenswichtig (sprich: es gibt Deadlines). Bei der Erledigung dieser To-Do’s lässt du dich dann ab sofort von deiner Vertrauensperson überwachen (halbstündige Kontrollanrufe, Zeitstoppen in der Bib, Strafen bei Nichterfüllung – hier ist jedes Mittel recht, Hauptsache, du kommst irgendwie voran). Auf Stapel B türmen sich Aufgaben, die in Zukunft richtig wichtig und dringend werden könnten (bspw. das Aufbereiten von Vorlesungen). Beim Abhaken dieser Liste solltest du gezielt mit Belohnungen arbeiten: Wenn ich heute eine Stunde gelernt habe, gönne ich mir danach einen Kaffee in der Stadt. So verknüpfst du nervige Tätigkeiten mit angenehmen Gefühlen und beim nächsten Mal fällt’s schon gleich viel leichter. Stapel C schließlich umfasst alle Aufgaben, die nichts mit deinem Studium zu tun haben, die für den Moment also weder wichtig noch dringend sind. Spontan fallen mir hier sämtliche Zeitfresser wie Facebook, Nachrichten lesen, Small Talk, Online-Shopping oder das Kochen von sehr aufwändigen Gerichten ein. Vielleicht hast Du auch ein Problem mit Ablenkungen. Dazu haben wir einen Artikel veröffentlicht. Ein sehr hilfreiches und vor allem lockeres Buch zum Thema Zeitmanagement und Selbstcoaching hat Martin Krengel geschrieben. Hier findest Du die Rezension.

So weit so gut. Ein bisschen problematischer wird die Lage, wenn es eben nicht am Zeitmanagement liegt. Dann spielen nämlich in der Regel persönliche Widerstände eine Rolle, die man sich oft selber nicht so ganz eingestehen möchte. Und ich vermute, dass genau hier der Hund begraben liegt. Zum einen kann sich hinter deiner Unfähigkeit, dein Studium endlich anzupacken, schlichtweg Unlust verbergen. Einfach weil die Sache keinen Spaß macht. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Den Allerwertesten zusammenkneifen und sich bewusst machen, dass es nur eine Klausur im blöden Fachgebiet ist, die irgendwann vorüber geht. Unlust kann aber daraus resultieren, dass man den Sinn der Tätigkeit nicht (mehr) erkennt – bzw. nie erkannt hat. Sei mal ehrlich zu dir selbst: Stehst du voll hinter deinem Studium? Freust du dich darauf, in deinem Fachgebiet zu arbeiten? Oder kann es sein, dass du unbewusst Angst vor dem Abschluss hast, weil du nicht weißt, was dich erwartet und ob es dich langfristig glücklich macht? In diesem Fall hast du wiederum zwei Optionen: Du wirst das lästige Studium so schnell wie möglich los, indem du es abschließt (siehe meine Organisationstipps oben). Dann bist du endlich frei und kannst dich gegebenenfalls auf etwas Neues einlassen. Möglichkeit Nummer zwei: Die Situation ist für dich so unerträglich, dass sofort eine Lösung her muss. Hier empfehle ich dir, dich sowohl an die Studienberatung als auch an die psychotherapeutische Beratungsstelle deiner Hochschule zu wenden. Dort findest du Ansprechpartner, die sich mit deiner Lage auskennen und fundierte Ratschläge erteilen können – sowohl zu den Möglichkeiten, Chancen und Risiken eines Fachwechsels bzw. Studienabbruchs, als auch zu deiner Aufschieberitis selbst.

Natürlich kann es auch einfach sein, dass du manchmal ein bisschen faul bist und nun die Konsequenzen zu spüren bekommst. Sollte das zutreffen, kann ich dir gerne mein Spezialgebiet – die manuelle Schocktherapie – anbieten. Die geht so: Wenn du jetzt nicht sofort den Hintern hochkriegst und dich bemühst, Ordnung in dein Chaos zu bringen, wirst du dein Studium nicht abschließen, irgendwann mit hohen Schulden zwangsexmatrikuliert werden, keinen Job finden und als Drogendealerin unter einer Brücke hausen. So. Und das ist doch jetzt mal wirklich existenziell, oder?

Viel Spaß beim Suchen und Finden deines Weges…
…wünscht dir Sabrina

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