Krasse Kröte

Wie als Vegetarier auf blöde Kommentare von Fleischessern reagieren? (Jacky, 19)

Ich bin seit ca. einem Jahr Vegetarierin. Das scheint viele meiner Mitmenschen erheblich zu irritieren. Meistens komme ich damit klar, aber wenn ich gerade einen schlechten Tag habe und mir beim Essen auch noch blöde Kommentare oder immer wieder die gleichen Fragen anhören muss, ist das ziemlich nervig.
Viele meiner Bekannten und Freunde scheinen einfach nicht zu begreifen, dass sie mich durch keinen Vortrag der Welt dazu bringen werden, wieder Tiere zu essen. Und ich begreife nicht, warum sie mich nicht einfach in Ruhe lassen können. Ich habe auch nicht vor, irgendjemanden zum Vegetarier zu machen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Wenn ich ihnen also ihren Entscheidungsfreiraum gebe, warum lassen sie mir meinen nicht?
Wenn ich allerdings gefragt werde, warum ich Vegetarierin bin und dann ehrlich antworte, dass mir lebende Tiere besser gefallen und ich außerdem die Massentierhaltung boykottieren möchte, fühlen sich die meisten gleich persönlich angegriffen und reagieren ungehalten. Als hätte ich ihnen irgendeine Unmenschlichkeit ihrerseits vorgehalten.

Hast du vielleicht einen Rat, was ich sagen oder tun kann, damit das endlich aufhört? (Jacky, 19)

Liebe Jacky,

erstmal Hut ab, dass Du vegetarisch lebst und das trotz Gegenwind konsequent durchziehst. Ich weiß sehr gut, wovon Du sprichst, denn ich habe auch ein Jahr lang vegetarisch gelebt und habe genau die gleiche Beobachtung gemacht wie Du. Manche Mitmenschen (aber wirklich nur manche, dazu kommen wir noch) empfinden schon die völlig sachliche Aussage „ich esse kein Fleisch“ als Angriff oder wollen sofort eine Diskussion anzetteln, die man selbst überhaupt nicht intendiert hat. Das hängt einem irgendwann wie ein schlecht gemachtes Tofu-Würstchen zum Hals heraus.

Warum ist das so? Meine Theorie: Was man isst oder nicht isst hängt ganz empfindlich mit der Identität zusammen, ist also ein sehr persönliches Thema, das entsprechend persönlich genommen wird. Manchmal auch auf der Seite der Vegetarier und Veganer. Wenn jemandem gleich die Hutschnur platzt, nur weil Du sagst, dass Du kein Fleisch isst, kannst du also davon ausgehen, dass derjenige sich irgendwie bedroht fühlt und glaubt, seinen eigenen Lebensstil, seine eigene Identität hochhalten und retten zu müssen. Wer sich so schnell in Frage gestellt fühlt, stellt sich möglicherweise insgeheim selbst in Frage. Und das liegt gerade beim Thema Fleischkonsum ja auch sehr nahe. Ich greife mit dem Beispiel Massentierhaltung (80% des Fleisches stammen daher) nur mal einen Aspekt heraus – gute Gründe, kein Fleisch zu essen, gibt es ja viele. Berichte über die grausamen und teilweise auch ekelhaften Zustände in der Massentierhaltung KÖNNEN einen emotional normal tickenden Menschen nicht kalt lassen. Geht einfach nicht. Und ich bin mir sicher, dass jeder – irgendwo in einem manchmal sehr versteckt liegenden Winkels seines Hirns weiß – dass es absolut, wirklich absolut inakzeptabel ist, das zu unterstützen. Zu sagen „es schmeckt mir halt“ steht so dermaßen in keinem Verhältnis und ich glaube, das wissen die meisten auch. Dazu muss man auch kein großer Tierfreund sein. Jedem normalen Menschen würde alles hochkommen, wenn er das kranke, zerfledderte, gequälte Vieh mit eigenen Augen sehen oder gar selbst schlachten müsste, zu dem der lecker panierte, knusprige Hähnchenschenkel aus der Fastfood-Box einmal gehört hat. Das Zeug für lecker zu halten und ernsthaft herunterzubringen funktioniert nur mit Verdrängung und Bequemlichkeit (wo kann ich Polizeischutz beantragen?). Und dann kommt jemand daher, der nicht so bequem ist, bäh, wie lästig. Dagegen muss man sich zur Wehr setzen, am besten noch bevor der Vegetarier die Chance hat, zu missionieren. Und das tut er bestimmt, die Nervensäge!

Es geht da sehr wohl um Unmenschlichkeit, die da im Raum steht und leise erahnt wird, liebe Jacky. Und genau in diese Wunde des schlechten Gewissens sticht selbst ein toleranter, zurückhaltender Vegetarier oder Veganer hinein, ob er will oder nicht. Mit allen mehr oder weniger aggressiven Reaktionen, die das zur Folge hat. Ich fühle mich da selbst etwas ertappt, gebe ich offen zu.

Sicher triffst Du aber auch Menschen, die auf Dein gutes Beispiel interessiert und konstruktiv reagieren, vielleicht sogar in der Mehrheit! Ich habe sowieso den Eindruck, dass bewusstes Konsumieren für immer mehr Menschen ein Thema wird und die Fronten weicher werden. Das zu registrieren und sich eher darauf zu konzentrieren, kann sicher auch an den schlechten Tagen helfen, die Du beschrieben hast. Andere wiederum werden die Augen verrollen, wenn Du Dich als Vegetarier outest, blöde Kommentare machen oder Dich provozieren. Lass sie einfach. Für manche Entscheidungen – besonders wenn es darum geht etwas anders zu machen als die meisten – braucht man manchmal schlichtweg…

…ein dickes Fell: Das wünsche ich Dir!

Viele Grüße von
Stefanie

1 Kommentar
  • Elias am 26. August 2014

    Die Kommentare werden niemals aufhören. Ich lebe seit dem ich denken kann vegetarisch und die Reaktionen meiner Mitmenschen haben mich einiges über sie gelehrt. Am schlimmsten war es eigentlich immer in der Schule, wo Anderartigkeit grundsätzlich hart bestraft wird. Ich bin aber nie missionarisch aufgetreten. Der Vorteil ist: Man lernt schnell welche Menschen tolerant sind und einen akzeptieren wie man ist und das ist das Wichtigste! Menschen von denen ich mir die ganze Zeit dumme Kommentare über einen Charakterzug von mir anhören muss, mit denen will ich gar nicht erst viel zu tun haben.
    Was die Erfahrung aber auch gelehrt hat: Es lässt nach, je älter man ist. Warum weiß ich nicht. Entweder werden die Menschen toleranter oder man kennt einfach irgendwann nur noch die richtigen Menschen. 🙂

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