Krasse Kröte

Wer sind die Coolen und was macht sie dazu? (Omar, 21)

Szene in Fankfurt: Nach dem ganzen „Indie-und-Hipster-hin-und-her“ blicke ich nicht mehr durch. Wo und vor allem wer sind zur Zeit die „Coolen“ und was macht solche Bewegungen so „cool“? Ich hoffe die krasse Kröte kann helfen. Über neue Hotspots würde ich mich freuen! (Omar, 21)

Lieber Omar,

danke für diese interessante Frage.

Ich bin leider ziemlich uncool und habe das Hin und Her zwischen Indies und Hipstern irgendwie nicht ganz mitbekommen. Ein Hipster, das sagt mir noch was. Das sind doch die Typen aus Prenzlauer Berg, mit eiscremefarbenen, tiefhängenden und gleichzeitig engen Hosen, oder? Mit einem Club Mate in der Hand, Siebentage-Bärten und betont hässlichen Opa-Brillen oder so ähnlich. Gerne noch ein Stoffbeutel dazu, jedenfalls irgendwie eine Form von Lässigkeit oder Andersartigkeit demonstrierend, ohne zu merken, dass sie damit längst wieder ein Massenphänomen geworden sind. Coolness, jedenfalls die oberflächliche Form, die sich nur fürs Sichtbare interessiert, scheint mir sehr flüchtig zu sein. Man muss den extrem kurzen Zeithorizont erwischen, bis sich das Auge des Betrachters daran gewöhnt hat und die Opa-Brillen plötzlich auch von Ray Ban hergestellt und von Frankfurter Bankern getragen werden. Dann ist es natürlich zu spät, dann ist der Zug abgefahren! Ergo: Der Hipster scheint nicht mehr cool zu sein, sehr schön zu sehen auch beim Hipstercup, dessen Selbstironie ich wahrhaft cool finde.

Was im Moment cool sein soll ist normcore. Das bedeutet, sich betont unauffällig und „normal“ zu kleiden, zum Beispiel mit einer schwarzen Karottenhose, einem schnörkellosen weißen Pulli und einfachen Halbschuhen dazu. Weil mittlerweile ALLE ja so wahnsinnig individuell gestylt sind, hebt man sich heute also mit einer Persiflage dessen ab, was als „normal“ gilt. Da wird den ganzen Langweilern also milde und gütig der kleine Finger gereicht, kuck mal, ich bin so cool, dass es mir nichts ausmacht, auch so rumzulaufen wie du. Besten Dank…Ich habe davon in einer Frauenzeitschrift beim Arzt gelesen und vermute aufgrund dieser Tatsache, dass auch normcore bald wieder uncool sein dürfte, so wie jedes Phänomen, das plötzlich von populären Magazinen beschrieben werden kann. Oder aber es ist eine völlige Stilverwirrung eingetreten, die den Menschen hoffentlich alsbald auf wahre Coolness zurückführt. Weg von diesem unbedingten Wunsch, bloß anders als die schnöde Masse zu sein. Oder genau so wie die Masse zu sein, um auch damit wieder einen pseudo-bescheidenen Akzent fürs eigene Ego zu setzen. Ich glaube, diese ganze Coolness-Frage reibt sich zwischen dem paradoxen menschlichen Wunsch auf, anders als der Rest zu sein und gleichzeitig genauso wie alle. Und dabei glauben die Coolen (oder die, die sich dafür halten) ganz genau zu wissen, was normal und was anders ist. Man möge sie in diesem Glauben lassen. Ab 30 lässt der Druck von allein nach.

In jedem Fall hat die oberflächliche Form von „Coolness“ was mit Überhöhung zu tun. Wenn man cool ist, hat man irgendwie besser geschnallt, was man trägt, macht, hört oder konsumiert. Cool – das ist ja schon von der wörtlichen Übersetzung her irgendwie kühl, kalt – ja, manchmal auch kaltherzig. Denjenigen gegenüber, denen man sich so wahnsinnig überlegen fühlt. Und auch sich selbst gegenüber, weil man sich mit seiner krampfigen Selbstinszenierung so stresst.

Wirklich „cool“ finde ich Menschen, die exakt das tragen und tun, was ihnen wahrhaftig gefällt, die sich mutig ihre eigenen Gedanken machen und konsequent ihren Interessen, Leidenschaften und Plänen folgen, immun gegen alle Labels, die Pseudocoole darauf packen würden, wie zum Beispiel angesagt, spießig, hip oder normal. Cool ist, sich selbst dem Zufall überlassen zu können. Denn was „die Gesellschaft“ gerade für cool hält ist nichts anderes als das: Zufällig. Flüchtig. Beliebig. Am Ende kommt sowieso ein wilder Mix heraus und wir alle kennen sie, die Supercoolen, die am Ende doch heimlich Tatort kucken. Oder halt: Ist Tatort kucken nicht auch wieder cool und deshalb gar kein gutes Beispiel? Schwitz, also was jetzt… ich bin raus.

Damit noch ein kurzer Schwenk zu Frankfurt, was bis vor kurzem ja nicht gerade als Mekka der Coolness galt. Das soll sich aber geändert haben und neulich las ich sogar, dass Frankfurt – in großer Konkurrenz zu Leipzig – gar das „neue Berlin“ sein oder werden soll, falls dich diese Nachricht erfreut. Dann aber schnell los ins Frankfurter Nachtleben, denn diese Auszeichnung ist gleichzeitig schon wieder der Anfang vom Ende. Da ich in Frankfurt vor allem arbeite (und bisher der Meinung war, dass diese Stadt auch unmöglich eine weitere Funktion erfüllen kann), habe ich meine Frankfurter Kolleginnen gefragt. Eine hat mir geschrieben: „Ich weiß nicht, wo diejenigen hingehen, die sich für cool halten. Aber ich weiß, wo die wirklich Coolen sind.“ Das ist doch genau das, was du suchst, oder?

Hier die geballten Tipps aus dem Deutsche Bildung / Krasse Kröte Team:

Im Bahnhofsviertel tut sich gerade eine ganze Menge. Meine Kollegin Yvonne empfiehlt das Pracht, das Plank und den Kiosk Yok-Yok. Viele (oh je, „viele“!!) mögen auch das Pik Dame. Ihr neuester Tipp ist der „Markt im Hof“ in Sachsenhausen, wo man Schönes kaufen, aber auch direkt essen kann. Ein schöner Club soll das D3 sein, im Boot auf dem Main. Auf der Coolness-Kippe steht hingegen das Gibson.

Auch Frauke mag hipsterfreie Locations und dazu zählt sie das Schreyber-Heyne auf der Mörfelder Landstraße, wo es besonders im Sommer sehr lauschig sein soll. Eine Frankfurter Dauer-Adresse ist außerdem die Stereobar in Sachsenhausen ebenso wie das Maincafé am großartigen Mainufer.

Teste dich doch einfach durch und suche die Locations auf, wo du dich wirklich wohl fühlst, mit den Menschen, die du magst und die dich mögen – und von wo aus du anschließend mit einem breiten Grinsen nach Hause gehst, weil du einen geilen Abend hattest.

Viel Spaß wünsche ich dir!
Stefanie

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