Krasse Kröte

Wer nimmt Ritalin? (Tom, 23)

Wie groß ist der Anteil der Studenten, die sich mit Ritalin & Co versorgen? Was sind Nebenwirkungen und wie kann ich meine Konzentration stattdessen besser steigern? (Tom, 23)

Lieber Tom,

das sind spannende Fragen, die mich zu tiefergehenden Recherchen animiert – und zugegebenermaßen auch fast verführt haben!

Ich kann schon mal sagen, dass der Anteil der Studenten, die sich mit Dopingmitteln versorgen, nur schwer zu ermitteln ist – die Dunkelziffer ist auch hier sehr schlecht einschätzbar, denn der Konsum dieser Mittelchen ist natürlich nichts, was man an die große Glocke hängt. Jedenfalls, wenn es um die krasseren, verschreibungspflichtigen oder vielleicht auch illegalen Substanzen geht. Zu den Alternativen kommen wir noch. Die neueste Studie von 2013 (hier aufbereitet von Spiegel Online) berichtet davon, dass sich 20 Prozent der Studenten für den Lernerfolg dopen – allerdings mit unterschiedlich drastischen Mitteln, die von den noch vergleichsweise harmlosen Koffeintabletten bis zu dem Psychopharmakon Ritalin reichen.

Ritalin wurde zwar für Kinder mit ADS/ADHS entwickelt, ist von der Wirkungsweise her aber theoretisch auch für Studenten und Berufstätige reizvoll: fokussiertes Arbeiten über Stunden hinweg, Konzentration auf das Wesentliche, keine Ablenkung mehr durch Kleinigkeiten, fast keinen Hunger, keinen Durst, keine Müdigkeit. Als ich das gelesen habe, dachte ich ehrlich gesagt sofort: „Das will ich auch!“. Und wenn es für Kinder entwickelt wurde, kann es ja für Erwachsene nicht schädlich sein, oder?

Das wäre schön, entspricht aber leider nicht der Realität. Auch wenn das Medikament für Kinder gedacht ist, kann es doch sehr unschöne Nebenwirkungen haben und ist nicht ohne Grund verschreibungspflichtig. Reaktionen können sein: Appetitlosigkeit, psychische Störungen, Schlafstörungen, verstärkte Reizbarkeit, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen, Wahnvorstellungen und Depressionen – und vieles andere mehr. Außerdem werden die Bereiche des Gehirns lahmgelegt, in denen kreative Leistungen erbracht werden – für Künstler und andere Kreativitätsarbeiter ist Ritalin also absolut kontraproduktiv. Zumal besteht Suchtgefahr und dann hat man ein richtiges Problem.

Da ich gerade auch noch einige Hausarbeiten für die Uni schreiben muss und meine Konzentrationsfähigkeit sehr zu wünschen übrig lässt, hast du mich mit deiner Frage an einem empfindlichen Punkt getroffen. Und wie schön wäre es, wenn man einfach Tabletten einwerfen könnte und alle Probleme lösen sich in Luft auf. Kann man ja auch machen, aber dann wird die Landung in der Realität um so härter. Also besser mit den wirklichen Problemen hinter den Symptomen beschäftigen! Das heißt in diesem Fall erst mal: Herausfinden, warum man sich nicht konzentrieren kann. Hat man finanzielle oder existenzielle Sorgen, Stress mit Familie oder dem Partner, die einem ständig durch den Kopf gehen?

Oder ist vielleicht das Thema, das Fach oder der Beruf nicht passend und man will sich eigentlich nicht intensiver damit auseinandersetzen? Wenn man daran etwas ändern kann, sollte man das nach dieser Erkenntnis auch tun. Was die Uni betrifft, ist das natürlich nicht immer möglich. Manche Themengebiete muss man sich für Prüfungen einfach eintrichtern und manche Arbeiten müssen geschrieben werden, ob das nun den individuellen Interessen entspricht oder nicht. Was hilft da nun? Zuerst sollte man sich bewusst machen, warum man sich für ein Fach entschieden hat – und wenn das immer noch das Richtige ist, dann muss man auch mal die Zähne zusammen beißen und es durchziehen. Statt Ritalin gibt es auch natürliche Helfer – die vielleicht nicht ganz so krass im Positiven Wirken – aber dafür auch keine Nebenwirkungen haben.

Ich kann leider nicht mit einem kürzlich im brasilianischen Dschungel entdeckten Super-Kraut aufwarten, das bei Neumond von blauäugigen Jungfrauen per Hand geerntet wird, total günstig ist, von dem sich das Hautbild verbessert, man abnimmt, mit Mineralstoffen und Vitaminen versorgt wird und das langfristig die geistige Leistungsfähigkeit pusht. Die legalen Mittel bleiben überschaubar: Koffeintabletten, Guarana, grüner Tee, Kaffee oder Energydrinks helfen gegen Müdigkeit und putschen auf – da muss man sich individuell an eine passende Dosis rantasten. Und besser erst mal mit Tee und Kaffee anfangen und wenn das nicht mehr wirkt, eventuell etwas Stärkeres probieren. Gingko soll die Konzentrationsfähigkeit und geistige Leistung ebenfalls verbessern (und die Potenz!), durch Steigerung der Durchblutung. Das werde ich mir gleich mal in der Drogerie besorgen und testen. Gleiches gilt für Sport – nach dem Prinzip der Anspannung und Entspannung am besten in Kombination mit Meditation und einfachem In-der-Stille-Sitzen-und-nichts-denken. Also einfach ist das natürlich nicht, aber es hilft dabei, die Gedanken ziehen zu lassen, die sich immer wieder einschleichen. Und so ein Gefühl dafür zu bekommen, dass man es in der Hand hat, ob man sich ablenken lässt oder bei der Sache bleibt. Für die letzten paar Meter helfen Disziplin und die bewusste Entscheidung, die Sache jetzt einfach durchzuziehen und alles zu geben.

Es grüßt dich mit einem lauten „Tschakka!!“
Anna

1 Kommentar
  • Tom am 15. Dezember 2014

    Danke dir Anna,

    der Anteil ist echt erschreckend hoch. Wie du es schon auf den Punkt brachtest, jeder hat die Entscheidung zum Studium selbst getroffen und sollte sich damit abfinden, dass Klausuren nun mal dazugehören.
    Grad volljährig gewordene Jungs und Mädels, die sich Ritalin & Co reinpfeifen und sich als Bildungselite bezeichnen? Muss das sein? Wohl kaum. Wir sollten uns Zeit lassen, zumal niemand mit abgestumpften Absolventen arbeiten möchte.

    Tschakka zurück nach Frankfurt!
    Tom

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