Krasse Kröte

Warum müssen wir so früh aufstehen? (Marlene, 29)

Warum müssen wir so früh aufstehen? (Marlene, 29)

Liebe Marlene,

diese Frage stelle ich mir auch. Und zwar jeden Morgen. In meiner Not habe ich mir kürzlich einen schweineteuren Lichtwecker gekauft, das so genannte Wake Up Light. Das tut so, als wäre schon Tag, in dem es im 30-minütigen Zeitraffer einen Sonnenaufgang simuliert. Meine Chronobiologie lässt sich davon aber nicht beirren und so verschlafe ich neuerdings nicht im Dunkeln, sondern im hell erleuchteten Zimmer, untermalt von angenehmem Vogelgezwitscher, wahlweise auch von Kuhglockengeläut oder Meeresrauschen. Zu allen drei Soundeffekten döst es sich ganz wunderbar, kann ich dir sagen. Und so muss ich jetzt doch wieder einen althergebrachten Wecker am anderen Ende des Zimmers postieren, den ich auf dem Rückweg dann mit unter die Bettdecke nehme, um dort einen abgrundtief mies gelaunten Kampf mit der Snooze-Taste zu führen. Weil das Wake Up Light den Raum erleuchtet, stolpere ich dabei wenigstens nicht über meine Sachen. Insofern war es nicht umsonst: Das Morgen-Grauen verliert ausgeleuchtet von 300 Lux seinen Schrecken. Ich empfehle es dir.

Vielleicht gehörst du so wie ich zu den Eulen und damit zu einer relativ diskriminierten Art. Früh aufstehen gilt als (willkürliche) Tugend der Fleißigen. Wenn wir Eulen am frühen Abend dann das Potenzial entwickeln, die Weltherrschaft an uns zu reißen, wird das von den vorbildlichen Lerchen – den Frühaufstehern – übersehen. Natürlich, denn deren Augenlider hängen ja schon träge auf Halbmast, wenn wir auf einmal bestens gelaunt und leistungsfähig an Bord sind. Die duale Einteilung in Eulen und Lerchen stimmt so allerdings auch nicht. Schlafforscher haben sieben Subtypen ermittelt, die sich zwischen beiden Extremen befinden, hier zu lesen in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung. Fest steht: Außenseiter sind wir Eulen nicht. Es steht so ungefähr fifty-fifty.

Bildungs- und Schlafforscher beschäftigen sich mit diesem Problem schon lange. Denn Kinder und Teenager mögen es auch nicht, so früh aus dem Bett gerissen zu werden. Und sie kapieren in der ersten Stunde auch nicht so viel wie am späteren Tag. Nachweislich sind Leistungsfähigkeit und Konzentration am frühen Morgen gesenkt, Schlafmangel ist außerdem ungesund und schlecht für das Gemüt. Dass der so genannte „social jetlag“ sogar dazu führt, vermehrt zu Substanzen wie Nikotin oder Alkohol zu greifen, beschreibt dieser Spiegel-Artikel. Zu großflächigen Reformen hat das allerdings noch nicht geführt.

Früher ins Bett gehen? Bringt nichts. Eulen können sich kaum darauf programmieren, früher einzuschlafen. Ich stolperte über das Argument, die Schule fange deswegen so früh an, weil auch die Eltern ja so früh zur Arbeit müssen. Oder noch besser: Weil die Schulbusse so früh fahren! Das spielt logisch in einer ähnlichen Liga wie das Argument, die Models müssten deswegen so dünn sein, weil die Designer so enge Klamotten schneidern.

Keine Erklärung, kein Trost, liebe Marlene: Das frühe Aufstehen ist einfach nur bescheuert. Der morgengrausige Start ins Produktivsein ist ein Relikt aus einer Gesellschaft, die so nicht mehr existiert. Die meisten Menschen arbeiten nicht mehr auf dem Feld oder in Fabriken, wo der frühe Arbeitsbeginn aus verschiedenen Gründen sinnvoll war. Und wir sind auch keine Vögel, die Würmer fangen müssen. Die Bildungslandschaft und die Arbeitswelt hinken alten Gewohnheiten hinterher, die noch nicht hartnäckig genug hinterfragt wurden. Die Schlafforscher aber sind auf unserer Seite und schleppen fleißig Beweise an, die eine zeitliche Verschiebung unserer Lern- und Arbeitsphasen in greifbare Nähe rücken. Flexible Arbeitszeiten (bei der Deutschen Bildung dürfen wir zum Beispiel je nach Chronotyp zwischen 8 und 10 Uhr anfangen) sind im Kommen. Auch das wird zur Zukunft der Arbeit gehören.

Zukunft der Arbeit, ein gutes Stichwort: Für unsere geförderten Studenten planen wir für 2015 das Deutsche Bildung Jahressymposium zu diesem Thema. Und versprochen: Das Programm startet nicht zu früh.

Viele Grüße
Stefanie

Schreibe einen Kommentar

*