Krasse Kröte

„Warum fetzt faul sein so sehr?“ (Sabine, 28)

„Warum fetzt faul sein so sehr?“ (Sabine, 28)

Liebe Sabine,

„Faulsein ist wunderschön, denn die Arbeit hat noch Zeit. Wenn die Sonne scheint und die Blumen blühn, ist die Welt so schön und weit.“, das besingt schon Pippi Langstrumpf. Und es stimmt: faul sein macht ne Menge Spaß, vor allem dann, wenn man eigentlich super viel zu tun hätte. Und hier sind wir auch schon bei dem springenden Punkt – wenn einem bewusst wird, was man noch alles zu erledigen hast, die Deadlines immer knapper werden und der Druck steigt, möchte man sich am liebsten verkriechen, faul sein, die To-Dos schleifen lassen.

Faulheit ist im Grunde genommen häufig eine Schutzreaktion gegen Überforderung, sagt der Psychotherapeut Prof. Alfried Längle. Sie komme nur dort auf, wo es Überwindung braucht. Andere Dinge haben in diesem Moment einen höheren Wert als die eigentlichen Pflichten und Aufgaben, denen sich ein jeder im Leben stellen muss. Doch gleichzeitig ist da das schlecht Gewissen. Zimmer und Wohnungen seien selten so sauber wie in der Prüfungsphase, heißt es. Das bis dato aufgeschobene Aufräumen scheint das kleinere Übel zu sein, die Überwindung fällt dabei nicht ganz so schwer. So macht man sich zumindest an dieses ungeliebte Werk und kann nach getaner Arbeit ganz entspannt faul sein – (scheinbar) ohne schlechtes Gewissen. Das Gefühl, irgendwie doch etwas getan zu haben, siegt. Oder man kommt endlich mal dazu, die ersten fünf Staffeln der so hochgepriesenen Serie zu schauen, die man auf seiner persönlichen To-Do-Liste hatte. Ein Häkchen hinter diesem Punkt fühlt sich vorerst vielleicht auch gut an. Doch die immer drängenderen Aufgaben schieben sich damit leider nicht beiseite. Daher überlege doch mal, was die Aufgaben sind, die dich Überwindung kosten.

Pflichtaufgaben fetzen lange nicht so sehr wie faul sein, doch sie gehören dazu. Stell dir mal vor, du könntest dein Leben lang 24/7 faul sein. Wäre das nicht auch irgendwann öde? Ist das faul sein nicht gerade deshalb so toll, weil es so viele Pflichten im Leben gibt? Sieh es mal so: Nachdem du zwei Wochen am Stück dein Leibgericht gegessen hast, zerrt es dich sicherlich nach Abwechslung – so gern du die Spaghetti mit Tomatensoße bisher hattest. Je öfter man machen (oder essen) kann, was man möchte, desto mehr verliert es letztlich an Besonderheit. Ähnlich ist es mit dem faul sein. Anfangs fühlt es sich vielleicht noch ganz gut an. Nach einiger Zeit (bei den einen schneller, bei den anderen langsamer), schleicht sich jedoch die Langeweile ein. Faul sein fetzt dann so gar nicht mehr – man fühlt sich dröge und selbst das faul sein fällt irgendwie schwer. Wissenschaftler sind sich sogar sicher: Zu viel Freizeit macht krank, zu viel Zeit zum faul sein ist ein „tragisches Geschenk“.

Um glücklich zu sein, bedarf es einer gute Mischung aus zu viel und zu wenig Zeit. Wie hoch die jeweils richtige Dosis ist, ist individuell. Unter Zeitdruck sind die Menschen weniger zufrieden, bei einem zu hohen Maß an Freizeit jedoch auch. Du siehst – um die Freizeit genießen zu können, bedarf es zuvor der Überwindung und Anstrengung. Und sind wir mal ehrlich – das Gefühl, die aufgeschobene Arbeit schließlich bewältigt zu haben, fetzt letztlich noch viel mehr.

Liebe Grüße
Christina

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