Krasse Kröte

Warum entwickeln sich immer mehr Studenten zu Egoisten? (Carina, 25)

Warum entwickeln sich immer mehr Studenten zu Egoisten? (Carina, 25)

Liebe Carina,

Egoisten mag ja keiner so wirklich. Gleichzeitig hat man häufig das Gefühl, dass gerade diese besonders erfolgreich sind – scheinbar ohne Rücksicht auf ihre Umgebung. Und das scheint unfair. Irgendwie verständlich! Du hast diesen Trend im Umfeld deines Studiums erkannt und hinterfragst ihn nun kritisch. Gut so!

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir diese Frage in der Vergangenheit auch schon öfter gestellt. Meine Beobachtung fing bereits in der Grundschule an – da wurden Bücher und Schulranzen neben das Klausurpapier gestellt, die Hände schützend über die eigenen Antworten gehalten oder schlichtweg so unleserlich geschrieben, dass selbst der Klassenlehrer die Antworten am Ende kaum lesen konnte. Gleichzeitig war man aber unglaublich froh, wenn man neben dem helfenden Mathe-Nerd einen Platz ergatterte und so irgendwie die ätzende Klausur bestehen konnte.

Deine Frage bezieht sich wahrscheinlich weniger auf die Bereitschaft zum Abschreiben, da zählt sicherlich auch die größere oder kleinere Angst vor dem Erwischt-werden rein. Bei dem gemeinsamen Büffeln ist diese Gefahr jedoch ausgeschlossen. Und da gab es auch schon während meiner Schulzeit die ein oder anderen, die sich meines mathematischen Unverständnisses geduldig annahmen, während anderen die Zeit (und Nerven) zu schade waren. Konnte man sich in der Schulzeit zumindest auf seine langjährigen Freunde verlassen, ist das im Studium weniger der Fall. Jeder ist irgendwie Einzelkämpfer.

Jeder strebt den größtmöglichen Erfolg an, denn jeder möchte am Ende den besten Job. Eine 2 scheint dabei weniger wert, wenn die Kommilitonen eine 1 haben. Steht man mit der gleichen Note auf weiter Flur, kann sich das auf einmal wie eine 1 anfühlen – Hauptsache man hat seine Kommilitonen (und damit potentielle Konkurrenz) abgehängt. Der von dir hinterfragte Egoismus resultiert also folglich aus einem Konkurrenzdenken, aus einer Angst, überholt zu werden. Und das kennen wir doch alle, oder?

Als ich ein Auslandssemester in Norwegen absolvierte, habe ich wiederum ein ganz anderes Denken kennengelernt. Auf einer Infoveranstaltung erklärte man uns, dass das mit der Gerechtigkeit in Norwegen anders laufe. Von klein auf ginge es nicht um die „equality of opportunities“ (also die Gleichheit der Möglichkeiten) sondern um die sogenannte „equality of results“ – die Gleichheit der Ergebnisse. Der Referent, ein Franzose, erklärte, dass er auf Grund seiner Promotion nach Norwegen zog.

Während er in seinem Heimatland für seine herausragenden Arbeiten mit Fortbildungen und monetären Mitteln zu weiteren Höchstleistungen angespornt wurde, erfuhr er in Norwegen auf einmal gegenteilige Maßnahmen. Sein Wissen sollte nicht bis aufs Unermessliche gesteigert werden, vielmehr sollte er es an „schwächere“ Studenten weitergeben. Statt den Erfolg eines Einzelnen permanent zu steigern, sollten am Ende also viele Menschen von dessen Wissen profitieren – und das werde ganz bewusst von den dortigen Universitäten gesteuert*

Unabhängig davon, welches System am Ende als individuell besser empfunden wird, zeigt diese Geschichte, dass potenzieller Egoismus oder Altruismus durch viele Faktoren bestimmt sein kann. Und vielleicht können wir uns auch ein wenig von der norwegischen Denkweise abschauen.

Für dein weiteres Studium wünsche ich dir hilfsbereite Kommilitonen und viel (gemeinsamen) Erfolg!
Deine Christina

*Diese und weitere Erfahrungen von Joulien S. Bourrelle findest du humorvoll verarbeitet in seinem Blog (hier Link: http://scandinavian.tips/blogs/the-social-guidebook-to-norway/116985541-equality-in-norway).

Schreibe einen Kommentar

*