Krasse Kröte

Wäre Menschenfleisch vegan? (Lara, 19)

Wäre Menschenfleisch vegan? (Lara, 19)

Hallo Lara,

Mensch, du stellst ja Fragen! Aber gut so, denn Fragen macht ja bekanntlich klug, und wenn viele Menschen ganz ehrlich wären, würden sie zugeben, dass sie vieler solcher Fragen im Kopf haben und nur aus Angst vor sozialer Ablehnung im Umfeld nicht stellen. Wir beide haben ja scheinbar keine Angst davor, also schauen wir uns die Sache doch mal an.

Um der Frage die unangenehme Strenge zu nehmen, möchte ich mit einer kleinen Geschichte von einem Kannibalen beginnen. Der Kannibale ging vor Kurzem in ein Feinkostgeschäft und sagte zu der netten Verkäuferin: „Guten Tag! Ich hätte gerne einen Eskimo. Wir haben heute Abend kaltes Buffet.“

Zugegeben: Das ist ein ganz schön schlechter Witz – aber jetzt können wir die Sache auch entspannt betrachten. Diese Anspannung ist nämlich genau der Punkt: Ethisch stellt sich die Frage in unserem Kulturkreis nicht, ob Menschenfleisch nun vegan ist oder nicht. Vegan ist an sich super und sehr angesagt, aber unsere Mitmenschen zu essen, widerspricht absolut unserem Wertesystem. Deswegen ahndet unsere Rechtsprechung das auch mit sehr empfindlichen Strafen. Man macht es einfach nicht. Egal, ob es vegan oder flexitarisch oder omnivor (=allesessend) ist.

So selbstverständlich ist es aber gar nicht, Kannibalismus – den Verzehr der eigenen Art – abzulehnen. Für uns ist es das, aber aus anderen Gesichtspunkten oder in anderen Kulturen ist es ganz normal. So gibt es den Überlebenskannibalismus, bei dem man aus Ermangelung anderer Alternativen auf die eigene Gattung zurückgreifen muss (dass wir das so abwegig finden, zeigt, wie gut es uns geht). Bei Naturvölkern kennt man den rituellen Kannibalismus, bei dem entweder die Feinde gegessen werden, um sie sich zu unterwerfen, oder die eigenen Stammesangehörigen, um die Trauer zu verarbeiten und die geliebten Menschen vor der Berührung mit der als unrein empfundenen Erde zu beschützen. Es gibt auch einen medizinischen Kannibalismus, so galt frisches Gladiatorenblut im alten Rom als gutes Mittel gegen Epilepsie. Letztendlich gibt es auch den sexuell orientierten Kannibalismus, vielleicht hast du schon mal vom Kannibalen von Rotenburg gehört, der vor einigen Jahren durch die Medien ging. In all diesen Punkten geht es aber gar nicht darum, ob die Betroffenen das mit ihrem veganen Lebensstil vereinbaren können.

Lass uns doch einmal einen biologischen Blick auf die Frage werfen. Der Mensch ist nach der biologischen Systematik ein höheres Säugetier aus der Ordnung der Primaten. Dort gehört er zur Unterordnung der Trockennasenaffen und dort wiederum zur Familie der Menschenaffen. Unsere Gattung bezeichnet man als Homo, und wir heutigen Menschen, die Homo Sapiens, gelten als die einzige überlebende Art dieser Gattung. Nach dieser biologischen Ordnung ist der Schimpanse unser nächster Verwandter. Wenn wir eine Menschenaffenart sind und mit Schimpansen verwandt, sind wir dann nicht auch Tiere?

Genau das ist nämlich der eigentliche ethische Diskussionspunkt, der sich hinter deiner Frage verbirgt: Sind Menschen Tiere? Oder sind wir aufgrund unserer (vermeintlich) höheren Intelligenz und unserer Beherrschung des Planeten eine ganz eigene dritte Form neben Tieren und Pflanzen? Von der Beantwortung dieser Frage hängt dann auch ab, ob man Menschenfleisch als vegan erachtet oder nicht. Wenn du mal eine intensive, garantiert mit Emotionen behaftete Diskussion für den WG-Abend haben möchtest, dann stell genau diese Frage. Nimm dir aber Zeit dafür.

Veganer selbst sehen das übrigens sehr eindeutig: Sie essen kein Fleisch und keine tierischen Produkte, also auch nicht das vom Menschen. Mit diesem Wissen und der biologischen Einordnung würde ich definitiv schlussfolgern: Nein, Menschenfleisch ist definitiv nicht vegan. Und soll übrigens eh nicht besonders schmecken.

Liebe Grüße
Kristin

3 Kommentare
  • Laura am 17. Januar 2015

    Boa, die Frage find ich schon bissi krank!!

  • Stefanie am 20. Januar 2015

    @Laura: Der Aufruf nach „krassen Fragen“ wurde hier sehr ernst genommen.
    😉

  • Christoph am 17. April 2015

    Hallo Lara,

    wie Kristin bereits festgestellt hat, zielt die Frage wohl hauptsächlich darauf, ob der Mensch sich zu den Tieren zählt oder nicht. Denn Veganer verzichten auf tierische Erzeugnisse. Aber es kommt noch ein anderer Punkt dazu: Selbst, wenn alle Menschen sich einige wären, NICHT zu den Tieren zur gehören, wäre Menschenfleisch trotzdem nicht vegan. Denn der Veganer versucht, die Ausbeutung von Tieren generell nicht zu unterstützen bzw. zu fördern. Deswegen wird ja auch auf Eier, Milch und z.B. Leder- oder Pelzprodukte verzichtet. Veganes Menschenfleisch wäre demnach nur dann vegan, wenn der betreffende Mensch vorher ausschließlich vegan, also ohne auf tierische Produkte zurückgegriffen zu haben, gelebt hat. Ansonsten würde man ja mit dem Konsum dieses Fleisches die Nutzung tierischer Erzeugnisse fördern. Abgesehen davon, dass es wohl kaum einen Menschen gibt, der von Geburt an gänzlich auf die Nutzung tierischer Erzeugnisse verzichtet hat, ist selbst die Nutzung pflanzlicher Erzeugnisse fragwürdig (Stichwort Pestizide und der damit einhergehende Tod vieler Insekten und Bodenorganismen, oder Sauerkraut: die Gärung wird von Milchsäurebakterien übernommen).Ich denke, die Ernährung und die Lebensweise des Menschen beinhaltet immer mehr oder weniger direkt und mehr oder weniger stark die Nutzung, bzw. den Tod vieler tierischer Lebewesen. Was aber kein Grund dafür sein sollte, GARNICHT darauf zu achten, möglichst vielen Tieren möglichst viel Leid zu ersparen, vor allem jenen Tieren, die nachweislich Schmerz empfinden können und die uns (indem sie sich wehren, schreien oder beißen) ganz klar zu verstehen geben, dass sie nicht sterben wollen, wenn wir das mit ihnen vorhaben.

    Und noch ein Kommentar zu Kristins Beitrag: den Menschen als Beherrscher des Planeten Erde anzusehen halte ich für ziemlich fragwürdig. Sicher hat unser Leben auf der Erde großen Einfluss auf dieselbe und der Mensch hat im Gegensatz zu den meisten anderen Arten die Fähigkeit, in kürzester Zeit kleine oder große Ökosysteme total umkrempeln zu können. Doch Beherrschung hieße für mich Kontrolle. Und kontrollieren können wir den Planeten ebensowenig, wie wir uns selbst voll kontrollieren können.
    Herrschaft heißt für mich auch Verantwortung zu übernehmen für das, was man beherrscht. Wenn der Mensch sich tatsächlich als Beherrscher der Erde sehen würde, und er gleichzeitig verantwortungsvoll (dass heißt, so dass die nächsten Generationen es mindestens so gut haben wie wir) handeln würde, wäre ja alles gut. Doch leider erkennt man am Zustand unseres Planeten ja, dass es an Verantwortungsbewusstsein kräftig mangelt. Statt sich als Herrscher zu verstehen, sollte sich der Mensch meiner Meinung nach als genau das betrachten, was er ist: ein mehr oder weniger wichtiges Zahnrad im „ökologischen Getriebe“ der Welt. Wenn der Mensch seinen Einfluss unterschätzt (Beispiel: „So ein Quatsch! Das Steak auf meinem Teller hat doch nichts mit der Armut von Menschen in Brasilien zu tun!“ oder „Menschengemachten Klimawandel gibt’s nicht!“), ist das genauso fatal für den Planeten und den Fortbestand der Menschheit, wie wenn er ihn überschätzt (Beispiel: „Egal, was mir mit dem Planeten anstellen, das kriegen wir schon wieder hingebogen. Wir haben ja so tolle Technik und sind so schlau.“). Mensch kann ziemlich viel, aber er kann auch ziemlich viel nicht.

    Liebe Grüße,

    Christoph

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