Krasse Kröte

„Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich große Geschenke mache?“ (Julian, 24)

„Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich große Geschenke mache?“ (Julian, 24)

Lieber Julian,

bevor du etwas mit einem schlechten Gewissen schenkst, egal ob es teuer oder günstig war, solltest du es lieber nicht schenken, wie ich finde. Die Philosophie des Schenkens ist komplex, so viel steht fest, denn zu Geschenk-Anlässen wie Weihnachten stellen wir uns alle solche Fragen:

Wie viel Geld ist der Verbindung und der individuellen Wichtigkeit und Wertschätzung der anderen Person gegenüber angemessen? Drückt der Geldbetrag, den ich für ein Geschenk ausgebe auch die Wichtigkeit der Person mir gegenüber aus? Muss ein Geschenk überhaupt gekauft werden? Und wie viel Geld gibt der oder die Beschenkte für Geschenke für mich aus? Das kann zu einem ganz schönen Eiertanz werden.

Ein schlechtes Gewissen solltest du beim Schenken allerdings nicht haben, Taktik hin oder her. Schenken ist eine schöne und freiwillige Geste, die dem Schenkenden, wie auch dem Beschenkten eine Freude bereiten sollte. Ob diese nun klein oder groß ist, hängt nur marginal von dem finanziellen Wert des Geschenkes ab, sondern davon, wie viel du von dir selbst mit hinein gibst, wie sehr du dir Gedanken um den Beschenkten gemacht hast und wie sehr er oder sie die Geste und dich schätzt.

Wenn es dir um den Geldbetrag geht, den du investierst und du grübelst, ob ein teures Geschenk angemessen ist, solltest du deine Motive prüfen, um dem Thema dahinter auf den Grund zu gehen.

Teure Geschenke können ein Zeichen von Großzügigkeit sein, wenn der Schenkende genug Geld hat, um dem Beschenkten einen Herzenswunsch oder vielleicht auch eine Notwendigkeit zu erfüllen. Zum Beispiel, wenn deine Eltern dir einen neuen Laptop schenken, weil dein bisheriger kaputt gegangen ist und du nicht das Geld hast, dir einen neuen zu kaufen. Oder wenn du deiner Freundin Tickets für ein Konzert ihrer Lieblingsband schenkst, die sie sich nicht leisten kann, aber die Band unbedingt live erleben möchte.

Anders sieht es aus, wenn du teure Geschenke zur Kompensation verwendest, zum Beispiel, wenn du deine Freundin, deinen besten Freund oder deine Familie in den vergangenen Monaten vernachlässigt hast und nun mit einer großen Geste alles rausreißen willst, was du versäumt hast. Eine moderne Ablasszahlung also.

Da ist die Erkenntnis über die vergangenen Versäumnisse wichtiger und das kann man auch ganz klar so ansprechen oder in einer Karte schreiben. Sich dafür entschuldigen, dass man nicht so präsent war, wie man sein wollte und sich dies nun ändert. Dann aber das Geschenk einfach im finanziell normalen Bereich auswählen und nicht so viel Geld reinbuttern, dass man das schlechte Gewissen und die Schuldgefühle am Preisschild erkennt.

Auch wichtig in diesem Kontext: ein bisschen auf die finanzielle Lage des Beschenkten achten, zumindest wenn du mehr Geld hast als der andere. Denn ein teures Geschenk zu machen, wenn dein Gegenüber nicht viel für dein Geschenk ausgeben kann, bringt den anderen in eine unterlegene Situation.

Und noch ein Schritt weiter: Etwas zu schenken heißt ja nicht, etwas zu kaufen. Du kannst auch deine Zeit verschenken, deine Aufmerksamkeit, etwas selbst Hergestelltes, selbst Gebackenes, du kannst zu einem Koch- oder Film-Abend einladen und so viel mehr. Dich und deine Zeit zu verschenken ist doch immer noch und in diesen hektischen Zeiten auch wieder eines der größten Geschenke, die du jemandem machen kannst.

Nachdenkliche Grüße
Anna

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