Krasse Kröte

Müssen wir alle immer glücklich sein? (Manuel)

Hi krasse Kröte Team ;-), ich habe das Gefühl, alle sollen/müssen ständig glücklich sein!!! Seid Ihr glücklich & gibt es Glück auf Dauer? Bin gespannt auf Eure Antwort, BG Manuel.

Lieber Manuel,

das Gefühl habe ich auch. Nicht glücklich zu sein ist ein Tabu mit drei Ausrufezeichen. Ein Makel, den wir mit etwas gutem Willen beseitigen können. Zieh dir einen Ratgeber rein! Zu dem Thema gibt es schließlich tausende und du musst nur die richtige Strategie finden. Geh zum Lachyoga! Direkt bei dir um die Ecke gibt es garantiert einen Kurs. Lade dir eine Glücks-App runter. Geh in einen Club und brülle unablässig „wohooo!“, so machen das die Glücklichen. Nicht vergessen: Lade das Beweisfoto für Deine supi dupi Laune anschließend bei Facebook hoch. Oder ganz einfach, denn der Geduldsfaden der anderen ist dünn: Reiß dich halt zusammen! Und wenn das nicht hilft, solltest du dich schleunigst um einen Termin beim Coach oder Therapeuten bemühen. Aber besser jetzt gleich, denn die Wartelisten sind lang. Komisch eigentlich, wo doch alle so happy sind, in unserer super vernetzten, hedonistischen Spaßgesellschaft.

Anscheinend nicht. Und das hat ganz offensichtlich einen Markt eröffnet für die permanente, harte Arbeit am glücklichen Ich, was uns noch weiter unter Druck setzt. Denn je mehr Bücher, Workshops, Apps und Therapieangebote es im Sinne des um sich greifenden Glücks-Imperativs gibt, umso unzulänglicher fühlt sich die unglückliche Seele, die irgendwas nicht richtig zu machen scheint. Und auch daran müssen wir gefälligst wieder arbeiten. Das war nicht immer so. In der Epoche der Empfindsamkeit standen Melancholie und Weltschmerz hoch im Kurs des idealen Menschen. Goethes junger Werther durfte hochoffiziell leiden.

Ich will jetzt nicht in eine reflexartige Social-media-Schelte verfallen, aber Facebook schoss mir beim Stichwort „Glück“ sofort durch den Kopf. Auf den sozialen Plattformen stellen wir unsere Gefühle aus. Sichtbar für unser ganzes Netzwerk, das gleichzeitig die Referenz für das eigene Lebensgefühl ist. Und dabei sind wir wahnsinnig verlogen und selektiv. Glückliche Eltern posten Bilder von ihrem strahlenden Nachwuchs vor perfekt arrangierten Geburtstagstorten, aber sicher keinen 90-minütigen Podcast vom nächtlichen Gekreische. Wir sehen Bilder von beschwipsten Cliquen, die einander umarmend in die Linse grinsen. Aber keiner fotografiert die vom Heulen rot gewordene Rotznase, wenn es uns mal nicht so gut geht. Ein Foto vom Gipsfuß schickt sich höchstens dann, wenn der Knochen bei einer wilden Salsa-Party zu Bruch gegangen ist, denn unfit, gealtert oder krank darfst du nebenbei bemerkt auch nicht sein.

Öffentlich sein darf nur das Positive, und hier darf ruhig geklotzt und nicht gekleckert werden. Das Zerrbild führt dazu, dass wir uns mit dem realen und völlig normalen Seelenleben plötzlich als Versager fühlen und das Negative angestrengt bekämpfen und vertuschen. Die Lösung besteht sicher nicht darin, bei Facebook ab sofort Kummer und Sorgen zu teilen. Aber vielleicht darin, das eigene Glück wieder privater zu machen und im vertrauten Kreis ehrlicher miteinander zu sein: Raus aus dem grellen Scheinwerfer des Vergleichs, der falsche Tatsachen beleuchtet. Weg vom Glücksgeprotze.

Zum persönlichen Teil deiner Frage: Sind wir IMMER glücklich? Für meine Mitblogger kann ich nicht sprechen, aber es würde mich wundern. Ich bin’s nicht. Jetzt habe ich noch Lust auf einen schlechten Reim: Ist das Glück erst demaskiert, lebt’s sich gänzlich ungeniert. 😉

Liebe Grüße
Stefanie

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