Krasse Kröte

Keine Konzentration bei Liebeskummer (Rebecca, Alter unbekannt)

Was mache ich, wenn ich verliebt bin, oder sogar Liebeskummer habe, und ich mich nicht aufs Lernen, oder auch nur auf ein Buch konzentrieren kann? (Rebecca, Alter unbekannt)

Liebe Rebecca,

ob du gerade verliebt bist oder Liebeskummer hast, das bleibt in deiner Frage offen. Vielleicht ist es auch beides. Und beides – das sei vorangeschoben – geht vorbei. Schade! Zum Glück!
Du fragst, wie man sich in einem der beiden Seelenzustände noch aufs Lernen oder überhaupt auf irgendwas konzentrieren soll. Mir fallen da auch gleich so Sachen ein wie „Statistik I“ oder „Einführung in die Literaturtheorie“.

Ich habe KEINE Ahnung!

Warum auf dem Hintern sitzen, wenn dir die Sonne aus selbigem scheint. Wenn du wie ein betrunkener Igel planlos durch die Gegend eierst, wenn du den ganzen Tag nur an Sex denken kannst, auch ohne Eiweißshakes fünf Kilo abnimmt, kaum mehr Schlaf brauchst, den wunderschönen Himmel über Bochum anstarrst, wenn du so toll aussiehst mit glänzendem Haar und rosigen Wangen, wenn der Tag nicht aufhören und die Nacht ewig sein soll (ja, wenn du grauenhaft kitschig wirst), wenn du beim Rossmann einen Ladyshaver kaufen musst und der Lebenssaft in jeder Zelle pulsiert…. Mikroökonomie? Bitte…!

Wenn du nachts stundenlang ins durchnässte Kissen brüllst, wenn dein Herz zu Hackfleisch geworden ist, wenn dein Hirn im Nebel liegt, du auf der Toilette heulst, wenn du morgens vor dem Spiegel stehst und denkst, was macht Amy Winehouse in meinem Badezimmer (ja, so geschmacklos können die Gedanken werden), wenn du mit dem Maschinengewehr auf heimische Singvögel ballern willst, wenn du nichts mehr verstehst, wenn du gleichzeitig wünschst, dass die Nacht endlich aufhört, aber die Sonne nicht aufgeht (dir sagt dieses dramatische Elend nichts? Nimm dein Buch und ab in die Bibliothek, das war es nicht wert…und glaub mir, ich könnte das hier seitenweise fortsetzen), dann willst du dich auf die Einführung in die Genetik konzentrieren?

Pustekuchen. Das ist schwer. Ungefähr sechs Wochen ist das verdammt schwer. In beiden Fällen. Oder du versuchst es und bist dafür ungleich länger mit halber Kraft unterwegs. Kaum was ist besser als Verliebtsein. Und fast nichts außer Trauer scheint schrecklicher als Liebeskummer. Und beides schreit um unsere volle Aufmerksamkeit, jedenfalls für eine Weile. Mehr am Leben sein geht nicht. Und es wäre schade um beide Gefühle, um beide Ausnahmezustände, wenn sie nicht volle Pulle und in aller Tiefe erfahren würden. Gerade der Kummer kann sich sonst ins Endlose dehnen. Oder wie eine gute Freundin einmal sagte: Was gesehen wird, kann gehen.

Das Gute ist: Ob Liebesrausch oder Herzschmerz – beides gibt nach kurzer Verwirrung viel Energie. Mit etwas Glück sogar mittendrin. Beim Verliebtsein, weil sich plötzlich alles so wahnsinnig zu lohnen scheint. Beim Liebeskummer, weil er den Menschen manchmal mit voller Wucht auf sich selbst zurückwirft, was plötzlich einen bissigen Schub nach vorne geben kann. Vielleicht sogar noch rechtzeitig vor der Klausur. Manchmal, wenn alles nix hilft, geht’s auch nur darum: Sich ein Nichtperfektsein mit allen Konsequenzen (die ein Jahr später meistens schon bedeutungslos geworden sind) für diese überschaubare Zeit zu erlauben.

Liebe Rebecca, versuch‘s mal mit dem Buch. Nur mal zwischendurch. Vielleicht hilft es beim Hochkommen. Oder beim Runterkommen, was manchmal auch nicht schlecht ist. Oder lass es. Es ist wirklich egal.

Ein totales Unkonzentriertsein wünscht dir
Stefanie

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