Krasse Kröte

Kann man in zwei Menschen gleichzeitig verliebt sein? (Brooke, 23)

Liebe Brooke,

eine sehr interessante Frage, die uns alle irgendwann mal beschäftigt. Wenn du deine Frage bei Google eingibst, findest du die gängigen Frauenzeitschriftenanalysen, die wir aber alle schon kennen. Falls nicht, liste ich sie hier noch mal für dich auf. Also:

– Wenn du bereits in einer Partnerschaft bist, kompensierst du Eigenschaften, die du bei deinem Partner vermisst, oder
– Du tröstest dich über eine Trennung hinweg und kannst dich deswegen nicht völlig auf eine Person einlassen, oder
– Du bist zu jung und weißt noch nicht, was du willst, oder
– Du willst dich gar nicht entscheiden, oder
– Sie sind beide nicht der Richtige, oder
– Du jagst dem Idealbild eines Partners hinterher, den es in der Realität nicht gibt, oder
– Du stehst so sehr unter Stress, dass du dein Bauchgefühl nicht mehr wahrnimmst und völlig verwirrt bist, oder
– Du hast panische Angst, allein zu sein, oder
– Du bist verliebt in das Gefühl, verliebt zu sein, oder
– Du stehst unter Hormonstau (Pubertät, zu lange Zeit ohne Beischlaf, zu lange Zeit alleine auf einsamer Insel gewesen usw.).

Wir sehen, es gibt also sehr viele potenzielle Ursachen, warum einer nicht genug ist. Wenn du dazu mehr wissen willst, empfehle ich dir einschlägige Foren im Internet, bei denen du diese Fragen so lange mit anderen Usern/Userinnen analysieren kannst, bis die beiden Ziele deiner Liebe vor lauter Warten auf dich verstaubt sind. Aber halt! Genau das wollen wir ja nicht. Lass uns lieber hinter deine Frage blicken, denn sie beinhaltet viel mehr.

Die Monogamie, also die Überzeugung, dass eine Beziehung zwischen genau zwei Menschen stattfindet, die einander absolute Treue schwören, ist für uns ein in unserer Kultur tiefverwurzelter Wert. Die steigenden Scheidungsraten, die wir in der westlichen Welt beobachten, sind größtenteils auf Seitensprünge zurückzuführen. Wir verzeihen es unserem Partner nicht, wenn er sich anderweitig orientiert (sei es körperlich oder emotional) und sehen in dieser Situation oft keinen anderen Ausweg als die endgültige Trennung. Aus dem gleichen Selbstverständnis heraus entstammt deine Frage: Geht das überhaupt? Man kann doch nur einen Menschen so richtig lieben!

Wenn wir ganz ehrlich sind, wissen wir, dass das nicht stimmt. Niemanden stört, dass es wir alle unsere Freunde, unsere Mama und unseren Papa und gleich vier Großelternteile lieben. Niemand sagt, „du kannst nur ein Familienmitglied lieben!“ und zeigt dabei mit dem Finger auf uns. Wieso sollten wir denn dann in nur einen Menschen verliebt sein können?

Hier kommen die Anhänger der Polyamorie ins Spiel. Polyamorie bezeichnet die einvernehmliche Liebesbeziehung zu mehreren Partnern. Monogamie ist im polyamoren Verständnis das Bedürfnis nach Kontrolle des geliebten Partners, um eigene Ängste und Dilemma (Verlustangst, Selbstzweifel, Neid, Eifersucht) zu verdecken. Oft kommen diese Urängste aus der eigenen Kindheit: Man merkt als kleines Kind früh, dass man seine Mutter nicht für sich allein hat, und die Freundin von nebenan hat auch noch drei andere Freundinnen (die untreue Kuh). Daraus entsteht das Bedürfnis, irgendwann einen Menschen für immer für uns allein zu haben. Wir wollen einen Partner, der uns sagt: „Du bist der/die Eine!“, den wir mit niemandem teilen müssen, der immer an unserer Seite ist und der bis zum Tod nie wieder geht.

Dieses Bedürfnis zu haben, ist absolut okay – insofern man es mit seinem Partner teilt. Es ist aber aus biologischer Sicht nicht unsere Natur. Es gibt Tierarten, die leben absolut monogam (hier gibt es eine ganz tolle Liste dazu). Bei uns Menschen ist das individuell unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt viele polyamore Menschen, die verbindliche, nicht beliebige und langfristige Beziehungen suchen – und dabei eben nicht auf einen Partner festgelegt sind, sondern gerne auch zwei oder drei Beziehungen haben. Das Bild von Hippies, das sich uns hier spontan aufdringt, ist falsch, denn Hippies suchen keine Verbindlichkeit.

Damit Polyamorie funktioniert, ist es absolut wichtig, offen und ehrlich mit allen Beteiligten zu sprechen: Über Konflikte und Gefühle wie Eifersucht, die zu jeder Beziehung dazu gehören, egal wie viele Personen in dieser Beziehung sind. Polyamore Menschen sehen es als nicht Betrug, wenn ihr Partner noch eine weitere Beziehung hat, denn in der Regel hat er offen davon erzählt. Der Betrug entsteht, wenn überhaupt, erst durch die Heimlichkeit und das Vertuschen. Polyamorie erfordert aber vor allem emotionale Disziplin: Was ich an Freiheit für mich selbst in Anspruch nehme, muss ich meinem Partner genauso eingestehen. Und diese Aussage kann man ja auf viele Aspekte einer Beziehung übertragen.

Um deine Frage zu beantworten: Ja, wir können in zwei Menschen gleichzeitig verliebt sein und es ist okay, ganz egal, was deine Freunde dazu sagen. Wir halten es vielleicht für eher unnormal, weil es nicht unserem Wertebild entspricht, aber biologisch ist es absolut natürlich. Wenn du selbst in der Situation bist und in zwei Menschen verliebt bist, dann entspann dich, stelle dich der Situation und sprich mit beiden Beteiligten offen darüber. Lass dir Zeit und analysiere das Wie und Warum. Dir wird schon nicht der Kopf abgerissen. Und wenn du jemanden liebst, der noch jemanden anderen liebt – ja, das tut verdammt weh. Überleg dir ehrlich, wo deine eigenen Grenzen sind und was dir wirklich in einer Beziehung wichtig ist: Absolute Exklusivität, oder doch andere Dinge? Und sprich auch darüber offen und ehrlich. Ehrlichkeit ist immer die beste Lösung.

Egal, wie weh es heute tut oder wie stark dein schlechtes Gewissen heute ist: Wir alle brauchen gute Stories, die wir den Jungen erzählen können, wenn wir alt sind. Stories von wilden Liebesgeschichten, durchtanzten Nächten, Lach- und Weinkrämpfen, Siegen und Verlusten. Ich bin mir sicher, wir werden viele davon haben. Auch wenn es sich gerade scheiße anfühlt, genieß es und nimm es an. Es ist dein Leben.

Liebende Grüße (ich liebe nämlich auch unsere Blogleser)
Kristin

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