Krasse Kröte

Für nichts gut genug: Was soll ich tun? (Daniela, 24)

Was soll man machen, wenn man das Gefühl hat, in nichts wirklich gut zu sein und sich auch für nichts wirklich zu interessieren? (Daniela, 24)

Liebe Daniela,

als ich deine Frage gelesen habe, musste ich an mein (etwas) jüngeres Ich denken. Es war kurz nach dem Abitur, die allgemeine Euphorie darüber, „das Ding“ in der Tasche zu haben, war langsam verflogen und alle Klassenkameraden stürzten sich voller Begeisterung in das Studium oder die Ausbildung, die sie natürlich schon immer machen wollten. Nur ich stand auf einmal da und wusste nicht so wirklich etwas mit mir anzufangen. Weder wollte ich unbedingt auf Weltreise gehen, noch sah ich mich selbst im weißen Kittel über Krankenhausflure schweben. Ich war in fast allen Fächern immer gut gewesen und das Lernen fiel mir leicht – aber deswegen Französisch oder Politik studieren? Dafür fehlte mir irgendwie die Begeisterung. Für Mathe und Naturwissenschaften fühlte ich mich zu unvorbereitet und für die künstlerische Richtung schlichtweg nicht begabt. Ich verstehe dich daher sehr gut: Irgendwie ist man in allem so Mittelmaß, hat vielleicht auch keine besonders aufregenden Hobbys (Lesen, Sport, Freunde treffen…) – hört aber auf der anderen Seite von allen Ecken, dass man seine Träume leben, sich verwirklichen, reisen muss. Bloß nicht irgendwann auf ein allzu normales Leben zurückblicken.

Dabei war Mittelmaß gar nicht immer schlecht: In der Antike war das Leben in der „goldenen Mitte“ sogar absolut angesehen und ein erstrebenswerter Zustand zwischen zwei Extremen. Zwischen Tollkühnheit und Feigheit stand die Tapferkeit, zwischen Geiz und Verschwendung die Großzügigkeit. Leider ist dieser Ansatz im heutigen Selbstoptimierungswahn und dem Druck, sich mit anderen zu vergleichen, verloren gegangen. Dank selbsternannter „Life Coaches“, Facebook, Instagram und Co. wird uns permanent suggeriert, dass wir nur dann glücklich sein können, wenn wir unsere tiefste innere Bestimmung finden. Aber was, wenn wir vielleicht gar keine besondere Bestimmung erfüllen müssen? Wenn tatsächlich der Weg das Ziel ist? Eventuell besteht der Sinn des Lebens einfach darin, das Leben selbst auf sich zukommen zu lassen und es mit allen Überraschungen, Höhen und Tiefen anzunehmen. Vielleicht blicken wir am Ende zurück und haben Fehler gemacht, Dinge ausgelassen, die uns bereichert hätten. Aber ist das wirklich so schlimm? Haben wir nicht vielleicht stattdessen Dinge erlebt, die wir so niemals hätten planen können? Die uns gar nicht eingefallen wären, wenn wir stur einem uns vermeintlich vorgezeichneten Karriereweg gefolgt wären?

Ich bin der Meinung: Egal für was man sich letztendlich entscheidet – irgendwo führt es immer hin. Wichtig ist, dass ein Anfang gemacht wird. Ich habe mich schließlich nach nächtelangem Gedankenwälzen dazu durchgerungen, „irgendwas mit Medien“ zu machen und habe Publizistik studiert. Nebenfächer Englisch, weil es mir in der Schule Spaß gemacht hat, und BWL, weil es vernünftig war. Alles ehrlich gesagt ohne jeden Idealismus und allergrößte Begeisterung. Und soll ich dir was verraten? Das Studium wurde trotzdem eine der besten Zeiten in meinem Leben. Ich habe neue Freunde gefunden und richtig viel Spaß gehabt. Über einen Nebenjob (für den ich mich beworben habe, weil ich Geld brauchte) kam ich dann zur Deutschen Bildung und zu meinem heutigen Job im Marketing. Und auch hier habe ich nicht nur die nettesten Kollegen gefunden, die man sich nur wünschen kann, sondern auch viele spannende Aufgaben, die ich so vor ein paar Jahren ebenfalls nie auf dem Schirm gehabt hätte.

Und genau das möchte ich dir auch raten: Du brauchst gar keine Expertin auf irgendeinem Gebiet zu sein. Du benötigst auch keine extravaganten Interessen, die es dir erlauben, dein Hobby zum Beruf zu machen. Ganz sicher hast aber auch du ein leises Bauchgefühl dafür, in welche Richtung es gehen könnte (und wenn es ein Schulfach ist, das dir immer besonders leicht gefallen ist). Und dann ist es an dir, dich einfach auf den Weg zu machen. Fang etwas an, was dir in diesem Augenblick als zumindest ansatzweise geeignet erscheint und lass dich überraschen, wo es dich hinführt. Es kann dazu führen, dass du erkennst, welches Fach oder welcher Job überhaupt nicht passen. Es kann passieren, dass du in ein paar Jahren alles hinschmeißt und eine Strandbar in Mexiko eröffnest. Vielleicht lernst du deine große Liebe kennen. Oder du findest über Umwege zu deinem Traumjob. Du bist zu jung, um dir jetzt schon Sorgen um die Zukunft zu machen. Geh raus, hab Spaß und sieh das Ganze nicht zu verbissen – du wirst dich wundern, wo du dich in ein paar Jahren wiederfindest. Und auf einmal macht alles Sinn.

Viel Erfolg beim Dich-Ausprobieren wünscht,
Sabrina

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