Krasse Kröte

Dresscode im Büro (Kristin, 26)

Warum sind manche Menschen so krampfhaft verbissen und meinen, dass spießige Seriosität, dunkelblaues Kostümchen und Siezen im Büro der heilige Gral zur Professionalität sind? Und inwiefern muss ich dabei mitmachen?

Liebe Kristin,

Deine Frage ließ mich eine Weile verträumt aus meinem Bürofenster in der Frankfurter City blicken und nervös an den Löchern meiner hellgrauen Jeans herumknibbeln. Eben habe ich noch an einer Pressemitteilung gearbeitet und bin mir jetzt nicht mehr sicher, ob sich durch das Tragen meiner korallfarbenen Stiefeletten ein paar Kommafehler eingeschlichen haben könnten.

Was ist professionell? Das führt mich zum möglichen Kern Deiner schönen Frage, über die ich auch schon oft nachgedacht habe. Abstrakte Begriffe schlage ich gerne bei Wikipedia nach und da wird ein Profi als jemand beschrieben, der mit seinem Können erwerbstätig ist. Irgendwie hat es was mit Qualität zu tun. Und die entsteht und wächst durch die passende Ausbildung, durch Erfahrung und Routine.

Du hast beobachtet, dass „manche Menschen“ krampfhaft verbissen seien und vielleicht glauben, Professionalität durch bestimmte optische Merkmale und klar definierte Umgangsformen zu erreichen. Wenn ich an meinen Berufseinstieg vor über sechs Jahren zurückdenke, finde ich mich darin wieder und erkenne das nicht als Verwechslung mit dem heiligen Gral, sondern als Unsicherheit. Ich hatte zwar einen Studienabschluss vorzuweisen, wusste aber nicht, wie ich mich in der erwachsenen Berufswelt bewegen soll. Also beschloss ich, erst einmal das nachzuahmen, was in meinen Augen einer Idee von „seriös sein“ entsprach und kompensierte meine Zweifel mit zuweilen gebügelten Blusen und schwarzen Blazern. Der Mut, authentisch zu sein und sich damit auch nach außen zu zeigen, kommt manchmal erst mit der Zeit. Es ist schön, wenn man solche Verwandlungen beobachten kann. An sich selbst und an anderen. Hut ab, wenn sich bei Dir schon mit 26 Widerstand gegen unhinterfragte Konformität im Arbeitsleben regt. Generation Y halt.

Schicke Business-Klamotten und Talent können aber durchaus auch zusammenfallen, oder höre ich da einen leisen Zweifel? Jedem sein blaues Kostümchen, wenn’s gefällt. Kennst Du Barney aus der Serie „How I met your mother“? Der geht mit seinen maßgeschneiderten Anzügen auch in eine Kneipe oder zum Spieleabend. Der gehört einfach so. Menschen, die erkennen wie sie gehören, finde ich herrlich unspießig. Auch wenn sie immer noch so rumlaufen wie bei ihrer Konfirmation.

Blöd: Nicht immer lässt uns das Arbeitsleben eine Wahl. Wer pustet bei einer Polizeikontrolle freiwillig ins Röhrchen, wenn der Polizist in einer rot-weiß-gestreiften Badehose an der Landstraße steht? Der kann nicht sagen „ich mach das nicht, mit dem blauen Kostüm“. Auch manche Bankkunden wollen nicht über den Kern von Professionalität philosophieren, wenn sie gerade im Begriff sind, ihr Vermögen zu investieren. Die gedeckte Krawatte des Beraters macht ihn sicher nicht zum Profi. Aber er geht auf Nummer Sicher und möchte seine Kunden, die in der Berufswelt vielleicht anders sozialisiert wurden, nicht irritieren. Vielleicht muss der expressive Ausdruck der eigenen Individualität manchmal vor dem Produkt, vor dem Geschäft, zurückstecken. Aber ich weiß schon, was Du meinst und Deine Frage hat mich teuflisch grinsen lassen: Denn manchmal kann der Business-Dresscode tatsächlich zur hohlen Uniform werden und gestelzte Umgangsformen ein Ausdruck von übereifriger Angepasstheit sein, jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Anders ist das sicher in kreativen Branchen, zum Beispiel in der Werbung oder im Marketing, in Reinform beim Künstler: Arbeit und persönliche Eigenschaften gehen hier ein stärkeres Bündnis ein. Hier darf, ja soll das Außenbild für das Innere sprechen. Das führt mich zum letzten Teil Deiner Frage. Hätte nicht gedacht, dass das hier gleich so ausufert.

Ob Du im Hosenanzug steif siezend durch die Flure schreiten musst? Ob Du mitmachen musst? „Das einzige was ich muss, ist sterben“, sagte vor kurzem eine Teilnehmerin in einem Workshop, den ich gehalten habe. Klingt verdammt radikal, aber ich fand diese Erkenntnis ziemlich geil. Auch für unangenehme Konsequenzen kann man sich ganz bewusst entscheiden, wenn man den Preis dafür zahlen kann und will. Dann eben kein Job als Vermögensberater. Und auch nicht als Streifenpolizist. Und auch nicht als Oberkellner in einem 5-Sterne-Restaurant. Dann halt in die Werbung gehen, in einem Start-Up anfangen, freiberuflich arbeiten oder den Mut zum Anecken haben. Die Vintage-Klamotten etablieren. Ein fröhliches „good morning in the morning“ in seiner Abteilung als Gruß salonfähig machen. Mutig kucken, was geht. Hauptsache, dabei ein Mensch und Profi sein.

Viel Glück und eine Prise Rückenwind wünscht Dir Stefanie.

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