Krasse Kröte

Darf mich Fußball nerven? (Marie, 22)

Gleich beginnt das Spiel gegen Frankreich und ich habe überhaupt keine Lust es zu sehen, geschwiege denn die Kommentare zu hören…
Auch im Supermarkt kommt man an WM-Angeboten in Fußballform oder schwarz-rot-gelb nicht vorbei.
Bin ich denn der einzige Mensch, den dieses Thema nervt, fehlt mir das Fußball-WM-Gen? (Marie, 22)

Liebe Marie,

nein, Du kannst ganz beruhigt sein: Du bist nicht der einzige Mensch, den diese WM-Euphorie (oder ist es eher eine Epidemie?) nervt. Im Internet gibt es ganze Foren voll von WM-Genervten, auf Youtube kannst Du Dir Anti-Fußball-Lieder anhören und in Online-Shops T-Shirts mit klaren Statements gegen den WM-Hype bestellen.

Auch in meinem privaten Umfeld gibt es einige Menschen, die mittlerweile Brechreize verspüren bei weiteren Diskussionen um Teamaufstellungen (und es sind ja auf einmal gefühlt ALLE Fußballexperten), beim Anblick von schwarz-rot-gelb lackierten Fingernägeln und der omnipräsenten Frage, wo man denn das nächste Spiel am besten schaut.

Du bist Teil einer – wenn auch zugegebenermaßen eher kleinen – Gemeinschaft, die vom ganzen WM-Hype (nur noch) genervt ist!

Ganz spannend ist ja die Frage, warum so viele diesem Hype folgen? Warum mutieren ansonsten vernünftige Erwachsene zu völlig Fußball-fixierten Wesen, die sich von WM-Spielplänen ihre Zeiteinteilung bestimmen lassen und die sich mehr verkleiden, als sie es sich an Karneval jemals getrauen würden? Da kommen einem schnell Gedanken wie, dass der Fußball wohl doch das „Opium fürs Volk“ ist, das so viele von uns benebelt. Oder greift da das Konzept der „Brot und Spiele“ aus dem alten Rom, mit dem man bekanntlich ein ganzes Volk ruhig gestellt hat.

Eine ganz wunderbare Diskussion zu dem Thema haben die stellvertretende Chefredakteurin der ZEIT Sabine Rückert und der Kolumnist des ZEIT-Magazins Harald Martenstein vor guten drei Wochen geführt: In einem Briefwechsel, veröffentlicht in der ZEIT, diskutieren sie darüber, ob man Fußball denn auch hassen darf.

Sabine Rückert stellt sich gegen den Fußball – aus privaten und politischen Gründen. Wie Du es, liebe Marie, auch beschreibst, fühlt sich Sabine Rückert während der WM als Außenseiterin: „Jetzt beginnen also wieder die Feiertage des Heiligen Spiels: quasireligiöse Ekstase und globale Emotion für alle – bloß nicht für mich. Für mich sind es Tage des Zorns. Fußball ist ein Massenphänomen – aber mich macht er einsam. Finden Weltmeisterschaften statt, fühle ich mich wie der Unmusikalische im Konzert, der Mönch im Bordell, der Veganer in der Metzgerei: draußen“.

Harald Martenstein hingegen findet überhaupt nichts Schlechtes an Ekstase und an Emotion. Er stellt den Fußball als „eine von mehreren Möglichkeiten dar, mit deren Hilfe sich diese Bedürfnisse ausleben lassen“. Er liebt an Fußball-Großereignissen: „Sie schaffen einen Ausnahmezustand… Ein bisschen Anarchie, endlich mal“.

Der Briefwechsel ist wirklich lesenswert – unterhaltsam und sprachlich eine wahre Freude. Und er bewaffnet uns WM-Gegner und -Befürworter gleichermaßen mit guten Argumenten: Zum Artikel.

Vielleicht inspiriert der Briefwechsel Dich auch zu angeregten Diskussionen mit Deinem Umfeld um den (Un-)Sinn der WM-Euphorie/-Epidemie – bei mir ist das der Fall gewesen.

Letztlich; Du ganz alleine entscheidest, wie viel WM Du in Dein Leben lässt. Ob Du ein Spiel gar nicht schaust oder aber den Ton ausschaltest. Wenn Du frei von dem Druck bist, das nächste Spiel Dir anzuschauen „zu müssen“, dann kann das ja auch was Positives haben: Während all die „Fans“ vor der Glotze hängen, hast Du viel Platz an Orten, an denen sonst massig Menschen unterwegs sind. Du hast freie Platzwahl im Kino, kannst einen Spaziergang durch menschenleere Straßen machen und vieles mehr. Vielleicht triffst Du auch Gleichgesinnte, denn, wie gesagt, alleine bist Du nicht.

Schwieriger wird es, einen Supermarkt zu finden, der keinerlei Fan-Kitsch verkauft, oder Hersteller zu vermeiden, die sich am WM-Kommerz beteiligen. Da kann ich Dir leider auch nur den Tipp geben, ignorieren und stets daran denken, dass es sich nur noch um wenige Tage handelt, bis der ganze Spuk für zwei Jahre vorbei ist. Das ist generell das Gute für Dich, dass der Ausnahmezustande bald wieder vorbei ist.

Halte durch, liebe Marie!

Alles Gute
Anja

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