Krasse Kröte

Darf es passieren, dass jeder nur noch an die WM denkt? (M., 33)

Dürfte es überhaupt passieren, das alle Menschen in dieser Zeit nur an die WM denken und alles andere vergessen? (M., 33)

Lieber M.,

danke für diese kritische Frage, ich finde sie sehr ehrenwert. Und es ist auch mutig, sie zu stellen, in diesen Tagen der kollektiven, naja, nicht mehr ganz so kollektiven Euphorie, die sich die Menschen nur so ungern versauen lassen. Da will man so eine Frage doch eigentlich gar nicht hören, sondern weiterhin völlig plem plem „SCHLAAAND“ oder irgendetwas anderes brüllen, je nach Lieblingsmannschaft. Gazastreifen, gesunkene Flüchtlingsboote, Abhörskandale, Massentierhaltung, ach komm…

SCHLAAAND!!!

SCHLAAAND!!!

Bitte_verdirb_mir_nicht_den_Spaß!!

Das ist, man kann es nicht anders sagen, verdammt ignorant. Interessant finde ich aber auch, dass ausgerechnet die Fußballweltmeisterschaft diese kritischen Zweifel auf den Plan ruft (und vielleicht ist das sogar das Gute an solchen Extremen. Da fällt es nämlich plötzlich auf). Sie ist doch eigentlich nur der Gipfel dieser weit verbreiteten Tendenz, sich von allen unbequemen Themen lieber abzuwenden. Auch ohne die WM winken viele – gefährlich viele – Menschen nur noch erschöpft ab, wenn es um die Missstände auf unserem Planeten und in unseren Kulturen geht. Die wenigsten haben in meiner Wahrnehmung Bock, sich damit auch nur auseinanderzusetzen oder gar – das wäre ja noch viel unbequemer! – sich zu empören und aktiv zu werden. „Aktivist“, das ist ja beinahe schon ein Schimpfwort für diese nervigen Zeitgenossen, die Demonstrationen organisieren und Petitionen starten. Die ham wohl keinen Job, oder was…alles schon gehört. WM ist jeden Tag. Wenn du Dschungelcamp kuckst, wenn du –wie das Studenten angeblich tun – täglich drei Stunden bei Facebook surfst (hier ein Artikel der Deutschen Bildung dazu) oder wenn du zehn Stunden am Tag vor einem Computerbildschirm im Büro hockst und dein Hirn danach bestenfalls noch für Germanys next top model funktioniert. Die Tagesschau frustriert. Und die ZEIT ist einfach zu dick.

Auch unabhängig von der WM ist unsere Gesellschaft irgendwie sehr beschäftigt… oder wird beschäftigt gehalten. Sich mit den wirklich wichtigen Themen zu befassen ist ein Denk- und Zeitluxus, für den man sich mittlerweile richtig, richtig Mühe geben muss. Das ist nicht leicht, denn uns bewegen viele Themen, im Studium, beruflich, privat. Manchmal ist das auch ohne die Skandale und Sorgen dieser Welt schon zu viel. Das ist sicher selten böser Wille, wobei es mich manchmal auch wundert, mit was für einer Energie manche ihre desinteressierte Haltung auch noch salonfähig machen wollen. Und wie unbeliebt man sich macht, wenn man es wagt, auch mal ein kritisches Thema anzusprechen.

Das ist aber erstens kein Problem der WM und ich finde es zweitens auch nicht verwerflich, ein weltweites Sportturnier mal als Anlass zu nehmen, abzuschalten, Spaß zu haben und sich schlichtweg zu freuen. Zum Beispiel wenn in einem Halbfinale sieben Tore für Deutschland fallen. Ja, da habe ich auch hysterisch gebrüllt und bin fast übergeschnappt. Ein historisches Ereignis, ich werde nie vergessen, was ich an diesem Tag gemacht habe, was ich anhatte, was ich gegessen habe…Oh mann, das ist ja fast wie am elften…halt, halt…

SCHLAAAAAAAND!!

SCHLAAAAAAAAAAND!!

Lieber M., verzeih mir diesen Zynismus. Ich bin ganz bei dir. Und weiß manchmal selbst nicht, wie ich damit verfahren soll. Wie der Spagat zwischen Spaß und Ernst, zwischen gesundem Egoismus und Nächstenliebe, zwischen Auseinandersetzung und Verdrängung, zwischen Entertainment und Engagement genau aussieht. Manchmal braucht der Mensch eben auch Exzesse und Euphorie. Vielleicht, um sich danach – einmal durchgeschüttelt – auch wieder anderen Dingen mit voller Aufmerksamkeit zu widmen. In eine ganz ähnliche Richtung geht übrigens auch die Frage: Darf mich Fußball nerven? Meine Kollegin Anja hat sie beantwortet.

Ich persönlich freue mich tierisch aufs Finale und schäme mich nicht dafür. Aber ich bin auch dankbar, dass du uns diese Frage geschickt hast.

Alles Gute
Stefanie

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