Krasse Kröte

Als Arzt ein Tattoo tragen? (Steffi, 28)

Ich bin gerade Ärztin geworden und frage mich schon seit langer Zeit, ob es eigentlich ok ist, wenn man als Arzt/Ärztin ein Tattoo hat. Keins, was man verstecken kann, sondern eines – beispielsweise am Unterarm oder Handgelenk – was man ob Winter oder Sommer sieht. Ich möchte nämlich eines stechen lassen (mindestens 5x5cm), habe aber die Befürchtung, dass meine Patienten (die leider nicht schlafen, weil ich weder Chirurgie noch Narkose machen werde) oder vielleicht sogar meine kleinen Patienten (wenn ich eine Stelle in der Pädiatrie bekomme) Angst bekommen, und bezweifeln, dass ich eine gute Ärztin bin und ihnen nicht schaden will. Mich beschleicht auch etwas das Gefühl, dass es da einen Unterschied – mal wieder – zwischen Arzt und Ärztin gibt, und Ärzten und Pflege gibt. Hab ich doch schon so viele tätowierte und gepiercte Pfleger gesehen, bei Ärzten ist mir das noch nicht aufgefallen.
Eigentlich würde ich mir darum keine Gedanken machen, wenn ich nicht befürchten würde, dass meine Patienten meine Kompetenz in Frage stellen oder ich mich vorm Chef und den Männern beweisen müsste. (Steffi, 28)

Liebe Steffi,

im ersten Reflex dachte ich sofort „wieso denn nicht?“. Jeder wie er mag! Zumindest in der Büro-Arbeitswelt, in der ich mich bewege, beobachte ich seit längerem die Tendenz zu mehr Individualität und eine Auflockerung der klassischen Dresscodes. Hierzu auch ein anderer Blogbeitrag zum Thema Professionalität. Der persönliche Stil wird zunehmend entkoppelt von der Wahrnehmung, wie professionell und fachlich fit jemand ist. Trifft sicher nicht für alle Branchen gleichermaßen zu, aber die Tendenz ist da, auch mal überraschen und irritieren zu dürfen. Mehr als früher kann man sich herausnehmen, Kunden oder Geschäftspartnern auch unkonventionelle Besonderheiten zuzumuten und sie im nächsten Schritt davon zu überzeugen, dass es darum in der Zusammenarbeit auch gar nicht geht. Business-Uniformen verlieren an Bedeutung, was, wie ich finde, eine wünschenswerte Entwicklung ist, eben weil sie auf die eigentliche Sache zurückführt.

Dem ersten Reflex folgte aber ein Zweifel, wenn ich an Deine Zunft denke. Deine „Kunden“ sind im Zweifel Menschen, die gerade um ihr Leben fürchten, die schwer krank sind. Im Krankenhaus sind sie oft ängstlich, unsicher, durchleben einen Einschnitt und je nach Diagnose eine Krise. Dass ein Tattoo an Deiner Fachkompetenz nichts ändert, das weißt Du, das weiß ich, das wissen sicher viele. Und auch das Tattoo als solches hat eine Entwicklung durchgemacht und ist schon lange nicht mehr nur Körperschmuck für wilde Revoluzzer, denen man Klischees wie Drogensucht oder einen unsteten Lebensstil anhängt. Auch das haben die meisten mittlerweile bestimmt registriert.

Krank werden aber alle Menschen, nicht nur diejenigen, die offen und frei von Klischees sind. Und auch die liegen auf dem Krankbett vor Dir und wollen in dem Moment nur eines: Das Gefühl, Dir absolut vertrauen zu können und in guten Händen zu sein. Dass es engstirnig wäre, wegen eines Tattoos Deine Kompetenz anzuzweifeln, ist richtig, sollte in diesem Moment aber nicht das Problem des Patienten sein. Deshalb finde ich es gut, wenn Ärzte gewissermaßen als „neutrale Götter in weiß“ auftreten und absolut nichts von ihrer heilenden und lebensrettenden Rolle ablenkt, auch wenn ich sicher bin, dass nur ein Bruchteil Deiner Patienten Dein Tattoo hier als Problem sehen würden. In fünf bis zehn Jahren sieht’s vielleicht nochmal ganz anders aus. Gerade Deine jungen Patienten könnten das Tattoo sicher auch spannend finden und danach fragen. Und dass es sich bei Deinem 5×5-Centimeter-Tattoo nicht gerade um einen Totenkopf oder ein düsteres Kreuz handelt, davon gehe ich mal optimistisch aus.

Du siehst: Gar nicht so einfach. Denn all das musst Du auch noch ins Verhältnis dazu setzen, wie bedeutungsvoll und wichtig es Dir ist, ein Tattoo zu tragen – oder wie Du im Zweifel damit umgehen kannst, wenn ein 80-jähriges Ömchen dann lieber den anderen netten Doktor haben will, der ihr – aus ihrem Wertesystem und ihren Klischeevorstellungen heraus – vielleicht mehr geheuer ist als Du. Sicher gibt es aber auch Arztpersönlichkeiten, die von Natur aus so viel Ruhe und Kompetenz ausstrahlen, dass das Tattoo regelrecht verblasst. Und andere, die so hektisch und unsympathisch sind, dass ihnen auch der weiße Kittel und die randlose Brille nicht helfen, wenn es um die Vertrauensbildung zum Patienten geht. Dieser Gedanke wiederum lässt meine Zweifel an Deinem Tattoo direkt wieder schwächer werden.

Ob Unterschiede zwischen Ärzten und Ärztinnen gemacht werden, weiß ich nicht. Aus dem Bauch heraus würde ich das bei der Tattoo-Frage erstmal nicht vermuten. Und Pfleger sind grundsätzlich in einer anderen Rolle, sind eben nicht die „Götter in weiß“, die Auskunft über dein weiteres Schicksal geben oder über die Behandlung als solche entscheiden.

Auch wenn ich hier keine klare Position beziehen konnte, hoffe ich, dass ein paar Aspekte für Dich dabei waren, die Deine Entscheidung – ob ja oder nein – abrunden.

Ich wünsche Dir einen gelungenen Einstieg in diesen wunderbaren und wichtigen Beruf!
Stefanie

1 Kommentar
  • Tom am 10. Dezember 2014

    Hallo Steffi, hallo Stefanie,
    eine immer wieder interessante Frage. Nicht nur für Ärzte sondern eben auch für die eher konservativen Berufsgruppen. Wir haben auch schon mal probiert eine Antwort zu dem Thema zu erstellen (zum Nachlesen findet ihr den im Blog von DocTattooentfernung)

    Steffi, wir würden uns super doll freuen, wenn Du uns mal Deine Entscheidung mitteilen könntest, ob Du Dich hast tätowieren lassen oder nicht.
    Was tätowierte Mediziner angeht, so wäre doch der ein oder andere wirklich überrascht, wenn nicht gar schockiert 😉 was sich so unter den einzelnen Visitekitteln verbirgt. Aber gerade das Tattoo im Sichtbereich interessiert uns wirklich! Wir haben immer wieder angehende med. Doktoranden, die sich auf Grund von Druck der Vorgesetzten auf dem Weg Ihrer Karriereleiter zu uns unter den Laser bemühen. Dabei geht es gar nicht mal unbedingt um die Patienten, die sich – im Gegenteil – über ein bisschen Farbe im sonst so eintönigen Praxis-/Klinik-/Weisskittel-Alltag freuen sondern ums Gefallen der Vorgesetzten.

    Die Frage, die sich also stellt: ist Dein medizinisches Know-How und Deine Arbeitsdarbietung so exzellent, dass Du Dich gegenüber Deinen Mitstreitern als Top-Mediziner „trotz Tattoo“ durchsetzen kannst und die Tätowierung kein Hindernis darstellt. Letztendlich entschiedet doch häufig der sogenannte „Nasenfaktor“, oder nicht!? Würdest Du das riskieren wollen? Oder reicht Dir auch ein Tattoo im nicht-sichtbaren Bereich!?

    Über ein Feedback würden wir uns echt freuen.

    Bis dahin viele Grüße, Tom

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