Krasse Kröte

Was würdet Ihr tun, wenn… (Omar II, 21)

Mich beschäftigt etwas sehr stark und zwar: Was würdet ihr tun, wenn ihr gemeinsam am Tisch mit eurer Familie und/oder euren Liebsten sitzt und gerade zu Abend esst und all die, die bei euch sitzen, mit einem Luftangriff getötet werden?
Oder
– Ihr seid mit eurer Familie am Strand um nett zu baden und ein Kampfjet kommt, bombardiert alle und nur du überlebst?
– Ihr schickt euer Kind/ kleinen Bruder / kleine Schwester schnell mal zum Kiosk und hört dann nur einen Schuss und das Kind liegt tot am Boden?
– Ihr wohnt alle friedlich in eurem eigenen Haus und dann kommen Soldaten und werfen euch raus, weil ihr nicht würdig genug seid, dort zu leben – und lassen andere, die „würdig“ sind, dort einfach einziehen? Mitnehmen dürft ihr das, was ihr anhabt!

Das sind so Fragen die mich beschäftigen! (Omar II, 21)

Lieber Omar,

das sind wahrhaft krasse Fragen, die dich und leider sehr viele Menschen auf der Welt umtreiben, weil sie im Krieg leben. Auf deine konkrete Frage „Was würdet Ihr tun“ kann ich schlichtweg nur sagen: Ich weiß es nicht. So weit reicht meine Vorstellungskraft nicht. Mein Leben ist sicher auch nicht frei von schmerzhaften Erfahrungen und Problemen, aber Krieg ist eine so grundlegende, existenzielle und leidvolle Bedrohung für einen selbst und die Menschen, die man liebt – ich weiß nicht, wie es auszuhalten ist, Tag für Tag damit konfrontiert zu sein, alles, wirklich ALLES verlieren zu können. Und ich merke gerade, wie dankbar ich dafür bin, dass an manchen Tagen ein Lokführerstreik bei der Deutschen Bahn oder ein kaputter Auspuff zu meinen größten Ärgernissen zählen.

Eine Frage wie deine rüttelt natürlich auf. Und vielleicht war das auch deine Absicht, was dir sicher gelungen ist. Sie zeigt, wie unglaublich relativ alles ist. Glück, Zufriedenheit, das, was einen tagtäglich beschäftigt. Nicht in jedem Moment kann man sich bewusst machen, wie viel schrecklicher das Leben sein könnte. Aber man kann immer wieder dankbar sein, dass wir zumindest hier in Deutschland in Frieden leben. Dass ich in einer Stadt lebe, wo ich heute auf der Straße gemütlich einen Milchkaffee trinken kann. In einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg bei einem Luftangriff fast vollständig zerstört wurde, wo jederzeit mit Bombenalarm zu rechnen war und ganze Familien in den Kellern ihrer Häuser ausgelöscht wurden. Das liegt erst so kurz zurück, dass Zeitzeugen davon heute noch berichten können, wenn sie dazu emotional in der Lage sind. Meine Oma, die Luftangriffe auf Frankfurt erlebt hat, konnte zu diesem Thema nur schweigen. Und meinen Opa habe ich nie kennen gelernt, weil er aus dem Krieg nicht zurückkam. Wie nah dieses Thema noch ist! Und wie aktuell, wenn man sich mit dem Weltgeschehen beschäftigt.

Trotzdem ist die Wahrnehmung des eigenen Lebens und die Relation, mit der man Probleme einordnet, bei den meisten durch das unmittelbare Umfeld bestimmt. Und sich permanent mit gedanklichen Vergleichen zu belasten, löst die Probleme nicht. Was man tun kann: Dankbar sein. Sensibel für politische Veränderungen sein und da bei Verstand bleiben. Sich informieren. Wählen gehen. Und wenn es sein muss demonstrieren, protestieren, mobilisieren, Dampf machen. Im Rahmen der eigenen Möglichkeiten kann man sich außerdem auch engagieren, zum Beispiel per Spende für die UNO Flüchtlingshilfe, als ehrenamtlicher Helfer in einem Flüchtlingsheim, bei der Organisation von Aktionen oder Ausstellungen, die an Kriege erinnern und vieles, vieles mehr! Vielleicht hast auch du Ideen und Vorschläge, wie du deinen Mitmenschen das Thema näher bringen kannst.

Danke für deine Frage, Omar, und alles Gute für dich.
Stefanie

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