Krasse Kröte

Gibt es Länder, in denen man kein Bewerbungsfoto braucht? (Ramona, 22)

Gibt es Länder, in denen man kein Bewerbungsfoto braucht? Warum wird für Bewerbungen um einen Job nicht das Foto abgeschafft?
Man merkt es ja immer wieder, dass Bewerber abgelehnt werden aufgrund ihrer äußeren Erscheinung. Dabei bin ich mir sicher, werden so sehr qualifizierte Bewerber oft gar nicht weiter wahrgenommen. Das Prinzip der Chancengleichheit ist somit dahin (Ramona, 22).

Liebe Ramona,

ja, es gibt Länder, in denen man sich ohne Bewerbungsfoto bewirbt: Die USA sind so ein Land. Bewerbungsfotos sind nicht gewünscht und es geht sogar so weit, dass Bewerbungen mit Fotos nicht „angefasst“ werden. Sie werden wie glühende Kartoffeln behandelt, an denen sich keiner die Finger verbrennen möchte.

Das Ganze geht zurück auf Anti-Diskriminierungsgesetze und die bekannte Verklagungswut der Amerikaner. Man darf in den USA bei der Vergabe von Jobs niemanden wegen seines Alters, seiner ethnischen Herkunft, seiner Sexualität, seines Aussehen und einigem mehr diskriminieren. Viele solcher Kriterien erkennt man ja auf einem Foto – also kein Foto!

Was viele nicht wissen: Auch in Deutschland ist das Bewerbungsfoto seit Einführung des AGG (Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes) im Jahr 2006 sehr umstritten. Das AGG verbietet jegliche Diskriminierung und schützt Arbeitnehmer und Bewerber vor Ungleichbehandlungen. Mit dem Gesetz werden die Arbeitnehmerrechte auf sechs Kriterien gestärkt: Geschlecht, Rasse oder ethnische Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Alter, Behinderung und sexuelle Identität.

Seit der Einführung des AGG verzichten auch sehr viele deutsche Unternehmen darauf, bei der Bewerbung ein „Lichtbild“ zu fordern, weil es nämlich den Kriterien zur Gleichbehandlung widerspricht. Interessanterweise scheint das aber bei vielen Bewerbern nicht angekommen zu sein, denn die Mehrheit bewirbt sich nach wie vor mit Foto. Das wiederum führt dazu, dass manche Personaler Bewerbungen ohne Foto „seltsam“ finden und natürlich gleich überlegen, warum sich der Bewerber denn nun ohne Bild bewirbt. Ein Kreislauf der Gewohnheiten also.

Und ich gebe Dir völlig Recht: Das Thema Chancengleichheit ist ein ganz wichtiges! Wobei ich persönlich diesen Begriff in unserer Welt für fragwürdig halte. Denn gleich sind nun mal nicht alle, und irgendwie wollen wir das ja auch bewusst nicht sein. Besser finde ich „Chancengerechtigkeit“. Aber das nur am Rande.

Und beim Thema Bewerben um Jobs muss Chancengerechtigkeit herrschen! Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat mit einigen großen Arbeitgebern wie Deutsche Post, L’Oréal und Procter & Gamble ein spannendes Pilotprojekt zur „anonymisierten“ Bewerbung durchgeführt: Bewerber haben sich ohne Angaben von persönlichen Kriterien beworben, sondern nur auf Basis ihrer Qualifikationen. Natürlich wurde sich auch ohne Foto beworben. Die Ergebnisse waren sehr positiv. Wenn es Dich interessiert, hier gibt es weitere Infos dazu.

Ich selbst bin eine große Verfechterin von anonymisierten Bewerbungen – einfach aus dem Grund: gerecht und offen rekrutieren zu können. Und Jobs nach Qualifikationen und nicht nach Nasenfaktor zu vergeben. Es ist leider hinlänglich bekannt, dass die meisten Menschen dazu tendieren, das Bekannte dem Unbekannten vorzuziehen. Fürs Recruiting heißt das: Bewerber hat eine ähnliche Biographie wie ich / wie mein Bekannter oder mein geschätzter Kollege und sieht so aus, wie ich es „sympathisch“ finde, also nehme ich die Person. Das suggeriert Menschen mehr Sicherheit in ihrer Entscheidung („ich habe so ausgewählt wie immer – also kann es doch nicht schlecht sein“) und weniger Stress („den Typ Mensch kenne ich – also weiß ich, was auf mich zukommt“).

Viele Menschen haben einfach Berührungsängste , wie sie mit Menschen umgehen sollen, die aus ihrer Perspektive „anders“ sind – und das „anders“ kann sich auf viel beziehen: ausländische Herkunft, anderes Aussehen, älter oder jünger… Das ist eine Erklärung, aber darf auf keinen Fall eine Entschuldigung sein!

Für mich ist klar, solches Verhalten ist nicht mehr zeitgemäß! Wenn ich ein Unternehmen lenke und für Recruitingentscheidungen (mit) verantwortlich bin, dann kann es einfach nicht mehr sein, Berührungsängste mit „den anderen“ zu haben! Das passt nicht mehr in unsere Welt von heute. Es ist kurzsichtig, engstirnig, borniert und völlig daneben. Die Welt von heute ist bunt, die Arbeitswelt und auch die private! Ich gehe sogar noch eins weiter und behaupte, nur Unternehmen, die erkennen, dass die Vielfalt nicht ein notwendiges Übel sondern eine echte Bereicherung ist, werden zukünftig erfolgreich sein.

Ich wünsche uns allen eine Arbeitswelt, die fair und offen rekrutiert und jedem qualifizierten Bewerber echte Chancen bietet!
Anja

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